Charles Darwin als Reformer des Christentums - Auf dem Weg zu einer Kultur der Schöpfung

Mit dem Ende des „Darwin-Jahres“ ist die Diskussion um das Verhältnis von Evolution und Christentum noch lange nicht an ein Ende gekommen. Im Laufe der vergangenen zwölf Monate wurde in zahlreichen Medien, Publikationen und Diskussionen die Person Charles Darwin und dessen wirkmächtiges Werk „Die Entstehung der Arten“ („Origin of Species“) aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Das Verhältnis von „Darwinismus“ und Religion wurde dabei nicht selten konträr gesetzt. Aber wird eine solche Gegensätzlichkeit der Komplexität des Verhältnisses gerecht?

In einem Beitrag für die „Nachrichten“ der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern“ (Nr. 11, November 2009, 64. Jahrgang) habe ich argumentiert, dass nicht Darwin für das Christentum das Problem ist, sondern eine monistische Form von Darwinismus, die Geist und Natur umstandslos in eins setzt und nur das als dem Menschen wesensgemäß gelten lässt, was naturwissenschaftlich beschrieben werden kann. Für Darwin selbst war es dagegen selbstverständlich, dass Christentum und modernes Naturverständnis sich nicht aufeinander reduzieren lassen, wenn es um den Fortschritt in einer humanen Kultur geht. Vielmehr gilt: In der Sicht Darwins ist Religion die wichtigste Triebkraft für die Verankerung der Moral im Individuum. Sie erhebt ihn dazu, die „Idee eines allmächtigen und allgültigen Schöpfers“ auf alles Leben auszudehnen, wie er in der Schlusspassage seiner Schrift „Die Abstammung des Menschen“ (1871) hervorhebt. In dieser Abhandlung zitiert Darwin auch mehrmals Kants „Kritik der praktischen Vernunft“, der einer natürlichen Herleitung der Moralität aus Instinkten oder Gefühlen nun wahrlich unverdächtig ist. Für die Kultivierung eines Pflichtgefühls, in dem die Unterstützung der Schwachen als moralisches Gebot im Gegensatz zu den biologischen Imperativen des struggle for existence von Darwin gefordert wird, ist Religion – so meine Argumentation (vgl. attachment) – für Darwin faktisch unentbehrlich.

AnhangGröße
Charles Darwin Reformer des Christentums.pdf93.85 KB

Kommentare

bedenkliche Tendenzen und "aufgeklärter" Glaube

Verfolgte man die Artikel über Darwin in Zeitungen und Zeitschriften, so wurden häufig auch die gesellschaftlichen Tendenzen erwähnt, die ich als "rückläufig" bezeichnen würde. Nicht mit, sondern neben den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen enstehen Strömungen, die m.E. so konträr zu Evolution und aufgeklärtem Glauben sind, dass sie mit diesen auch nicht vereinbar sind.

Herr Schleissing, Sie skizzieren deutlich, dass auch das Intelligent Design keine Lösung für eine Art Mittelweg ist und kommen zu dem Schluss, die Situationen zu betrachten, die nicht nach (naturwissenschaftlichen) Lösungen suchen, sondern Gründe thematisieren, weshalb sich Menschen so und nicht anders entscheiden.

Wichtig erscheint mir, so wie Sie es betonen, kein "Gegen" zwischen Naturwissenschaft und Theologie aufzumachen, sondern mit den Naturwissenschaften zu glauben.
HIer kann ich für mich sagen: solange kein vernünftiges Argument gegen die Existenz eines gütigen Gottes gefunden wurde, kann ich mit Vernunft an Gott glauben.