Demokratisierung durch Technik? Die Twitter-Revolution im Iran und ihre Folgen

Über ein Monat ist vergangen, seit die Welt auf die Unruhen im Iran blickte und über die Bedeutsamkeit des Internets für den Widerstand staunte: Die Opposition organisierte sich per Blogging-Plattformen wie "Twitter", Bilder und Videos des Aufstands fanden über YouTube oder Facebook rasende Verbreitung. Die iranischen Machthaben wirkten angesichts der mobilen, vernetzten Informationsflut – machtlos.

Es war, als würde sich endlich entladen, worüber Medientheoretiker lange Jahre gesprochen hatten: Das politische Potential des Mediums Internet. Dementsprechend fielen die Artikel und Blogs der westlichen Welt nahezu euphorisch aus: Der Spiegel etwa schrieb von einer digitalen Revolution, amerikanische Medien prägten den Begriff der Twitter-Revolution.

Was bleibt?

Nachdem sich der erste Sturm der Begeisterung gelegt hat, stellt sich die Frage, was nach all der Euphorie – unabhängig von den Konsequenzen für die politische Lage im Iran – aus medientheoretischer Perspektive bleibt: Konstituiert sich durch das Internet aufgrund seiner Dezentralität, Interaktivität und seiner Schnelligkeit tatsächlich eine neue Form der Öffentlichkeit? Unterminieren soziale Netzwerke im Web herkömmliche Hierarchien und verringern sie so die Wahrscheinlichkeit funktionierender Diktaturen? Die Fragen um das Wechselspiel von Kommunikationstechniken und gesellschaftlichem Wandel bleiben freilich auch angesichts der Ereignisse im Iran notwendigerweise offene. Dennoch lassen sich Zwischenbilanzen ziehen.

Macht und Überschätzung?

Auch wenn Microblogging-Plattformen wie „Twitter“ für die Opposition im Iran ein entscheidendes Hilfsmittel darstellen, ihren Widerstand zu organisieren und mit der Weltöffentlichkeit zu kommunizieren, ist die Euphorie über den Demokratisierungsschub durch das Web 2.0 zu hinterfragen. Der schnelle, für nahezu jedermann zugängliche und weit verzweigte Nachrichtenfluss schafft eine neue Qualität der Kommunikationskultur, die für eine Obrigkeit, die Informationen kontrollieren und filtern will, schwer zu kontrollieren ist, keine Frage. Ob „die Vermählung von zivilem Ungehorsam und sozialen Netzwerken“ tatsächlich den „Tod des Despotismus“ bedeutet, muss jedoch nicht zuletzt angesichts der sich ebenso fortentwickelnden Zensurtechnologien offen bleiben.

Die Formel „Die Unterdrückten gewinnen durch das Internet an Macht, also müssen die Großen an Macht verlieren“ ist laut dem Kulturkritiker und Computerprogrammierer David Golumbia („Twitter? Überschätzt!“) jedenfalls eine zu simple. Das Internet darf nicht per se als ein Medium der Opposition verstanden werden. Das Internet und Plattformen wie „Twitter“ erhöhen die Transparenz, die Freiheit lässt sich dennoch nicht einfach „herbeitwittern“.

Neue Technologien, alte Hoffnungen

Wie der Soziologe Armand Mattelart bereits am 4.11.1995 in der deutschen Ausgabe der Le Monde Diplomatique in der taz hinwies, gab es „Erlösungstheorien“ über die demokratisierende Wirkung von neuen Technologien bereits  lange vor den aktuellen Innovationen. Auch vom Telegrafen, vom Radio, von Film und Fernsehen und sogar vom Verkehrsnetz und der Eisenbahn erhofften sich die Zeitgenossen bedeutsame Impulse in diese Richtung.

Neue Technologien gebären also stets alte Hoffnungen. Und dennoch: Die Wirkmacht der Onlineplattformen ist tatsächlich erstaunlich und wirft entscheidende Fragen auf. Wie verändert sich die Kultur der politischen Information und Partizipation angesichts der neuen technischen Möglichkeiten, auch und nicht zuletzt in den westlichen Ländern? Die Potentiale wie auch die Bedrohungen für die Demokratie durch kommunikationstechnologische Innovationen und deren Einbettung in die Alltagskultur müssen dringender denn je auf der Agenda einer wissenschaftlichen Reflexion stehen.

Christian Dürnberger

Kommentare

Ich stimme vollkommen zu,

Ich stimme vollkommen zu, dass die Wirkmächtigkeit der Onlineplattformen die Opposition im Iran vergrößert und gefestigt hat.

Ist es jedoch nicht auch so, dass das Internet zugunsten der Machthaber genutzt wird. Man betrachte nur das Beispiel China; durch staatliche Kontrollen werden so genannte "Regime-kritische" Seiten gesperrt.

Daher denke ich, ist das Internet nicht nur Gewinn für die "Unterdrückten".