Transdisziplinarität und Partizipation

Bericht zum Symposium der Bayerischen Staatsregierung zum Thema
„Grüne Gentechnologie: Chancen und Risiken der Forschung“ am 20. Juli 2009
+ Impulspapier des TTN-Fellow Prof. Dr. Reiner Anselm zum ethischen Problem der Grünen Gentechnik (vgl. Anhang)

Am Schluss waren sich alle einig: Die Diskussion muss aus dem Lagerkampf herausgeführt und transdisziplinär sowie unter Einbezug der Öffentlichkeit gestaltet werden. Das alte Modell "Wissenschaft informiert Gesellschaft" hat sich überlebt.

Am 20. Juli trafen sich renommierte Wissenschaftler, Politiker und Manager und öffentliche Meinungsträger in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, um die Chancen und Risiken der Forschung an der „Grünen-“ bzw. „Agrogentechnik“ zu diskutieren. Angesichts der Besetzung des Podiums (siehe Einladung) war es nicht verwunderlich, dass Altbekanntes und Vielgehörtes referiert wurde. Eine Sache überraschte: Der vollbesetzte Plenarsaal wurde Zeuge einer unverhofft fairen Diskussionskultur und darüber hinaus überraschender Einstimmigkeit auf dem Podium. Besonders wenn es darum ging, was man aus den bisherigen Diskursen zur Roten und Grünen Gentechnik lernen kann, waren sich die Wissenschaftler einig: Mehr Austausch der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften und mehr Partizipation der Öffentlichkeit.

Um die Kontroverse nicht kleinzureden, natürlich gab es auch unterschiedliche Meinungen, insbesondere wenn es um die Risiken – oder besser deren Wichtig- oder Nichtigkeit – ging. Diese Diskussion führte dazu, dass vom Publikum aus die Integrität von Wissenschaft und Forschung angezweifelt wurde. Und es ist nachvollziehbar, dass die Kultur der Gutachten und Gegengutachten je nach Bedarf diesen Anschein erwecken. Konsens bestand auf den Podien, als der Vorwurf der Käuflichkeit der Wissenschaft erhoben wurde; hier überziehe die Kritik an der Grünen Gentechnik ihr Konto. Dass aber an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Ökonomie zumindest partiell übereinstimmende Interessen bestehen, ist angesichts einer Wissenschaft, die ihre Relevanz durch Anwendungsorientierung in der Gesellschaft erbringen muss, wenig verwunderlich. Die Aufgabe der Politik besteht in dieser Situation darin, neben berechtigten ökonomischen Interessen vor allem auch ethische Anliegen wie Gerechtigkeitsfragen und Nachhaltigkeitskriterien in den Blick zu nehmen. Nur dann können Bayerns Bürger – Verbraucher wie Landwirte – ihrem Anspruch auf das ‚Kulturgut Nahrung‘ Nachdruck verleihen und diesen mit den Fortschritten der Forschung in Einklang bringen. Besonders bei der Frage der Forschung im Freilandversuch in Bayern zeichnet sich in den Expertenvoten die Tendenz ab, dass diese nicht grundsätzlich abzulehnen seien. Die Orientierung an Gerechtigkeitsfragen bedeute aber auch, Bayern nicht zum Nabel der Welt zu machen, sondern die Perspektive auszuweiten und die internationale wie intergenerationale Gerechtigkeit mit einzubeziehen.

Folgenden Punkt kann man aus der Diskussion sicherlich als zentral hervorheben: Neue Technologien können nicht kategorisch abgelehnt oder befürwortet werden. Wäre es so einfach, so hätten wir den Diskurs nicht mehr nötig. Aber gerade deshalb, weil der Diskurs nötig ist, müssen die transdisziplinäre Risikoforschung und die Partizipation der Interessierten und Engagierten forciert und zu tragenden Säulen des Diskurses werden. Der Ministerpräsident Seehofer und die Minister Söder, Heubisch und Zeil haben sich auf dem Symposium ausdrücklich dazu bekannt, dass die Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik nur unter Rücksicht auf ethische und gesellschaftliche Aspekte der Technologieentwicklung beforscht und debattiert werden sollten.

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Grüne Gentechnik - Statement Anselm.pdf101.09 KB