TTN-Podiumsdiskussion zur Gen- und Stammzellmedizin im CAS/LMU

Vollbesetztes Auditorium

Vor gut 70 Teilnehmern aus Wissenschaften, Medien und interessierter Öffentlichkeit referierte der Biologie und langjährige Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats von TTN, Professor Jörg Hacker zentrale Merkmale des neuen Stufenmodells „Biomedizinische Eingriffe am Menschen“. Hacker betonte die ausgesprochen konstruktive Gesprächsatmosphäre innerhalb der Arbeitsgruppe, die es den Beteiligten ermöglichte, sich auch mit kritischen Anfragen offen auseinanderzusetzen.

"Ich habe viel gelernt"

„Ich habe viel gelernt“ bekannte auch der Biochemiker Professor Patrick Cramer im Rückblick auf die mehrjährigen Diskussionen zur Entwicklung des ethischen Stufenmodells. Cramer hob die Erfolge der Forschung vor allem auf dem Gebiet der Substitutionstherapie hervor. Weit über 10 % aller Medikamente verdanken heute Ihre Wirksamkeit der gentechnischen Forschung. Zugleich betonte er die hohen Standards wissenschaftlicher Selbstkontrolle in Deutschland: „Empirische Belege für die These, dass die Zahl der Fälschungen innerhalb der Wissenschaften in jüngster Zeit zugenommen hat, gibt es nicht.“

Das ethische Nadelöhr

Der evangelische Theologie und Mediziner Christian Kupatt führte die erheblich gestiegene Akzeptanz der Gentechnik in der deutschen Bevölkerung auf die Kombination von langjährigem kritischen Diskurs einerseits und medizinischen Erfolgen bei der Heilbehandlung andererseits zurück. Er betonte den Stellenwert, den das medizinische Ethos als Ort der Güterabwägung von Autonomie bzw. Menschenwürde, Wohlwollens-, Nichtschadens- und Gerechtigkeitsprinzip im Stufenmodell habe. An diesem „ethischen Nadelöhr“ müsse sich jede medizinische verantwortete Therapie messen lassen.

Die molekulare Forschung als "Sturzbach"

Die Angewiesenheit der Gen- und Zelltherapie auf einen ethischen Diskurs stand auch im Mittelpunkt der Überlegungen des emeritierten Theologieprofessors Trutz Rendtorff, der als „spiritus rector“ des Arbeitskreises vorgestellt worden war. Rendtorff, langjähriger Vorsitzender von TTN, verglich die zunehmende Beschleunigung der molekularen Forschung mit einem „Sturzbach“: „Darunter kann man nicht leben, ohne zerdrückt zu werden.“

Fallstudie von exemplarischer Bedeutung

Deshalb müssten Fragen der medizinischen Anwendung in der öffentlichen Debatte dazu verhelfen, dass sich das herbstürzende Wasser in einen „Strom“ ergießen könne, in dem man leben könne. Dies sei der Grund, weshalb das ethische Stufenmodell zur Gen- und Zelltherapie auch mit dem unproblematischen Fall beginne, um im Ausgang von der ethischen Tradition des „selbstverständlich Gelebten“ die kritischen Punkte künftiger Forschung angemessen in den Blick zu bekommen.

Das vorgelegte Stufenmodell intendiere keine „Ethik der Letztbegründung“, sondern sei in pragmatischer Absicht daran interessiert, einige regulative normative Ideen ins Gespräch zu bringen. Insofern habe die ethische Fallstudie – bei all ihrer Vorläufigkeit – für die bioethischen Debatten eine exemplarische Bedeutung.

Warnung vor bloßer "Ankündigungswissenschaft"

Im Hinblick auf zukünftige Anwendungen war man optimistisch, ohne mögliche ethische Bedenken auszuklammern. Hacker warnte vor einer gentherapeutischen Medizin als bloßer „Ankündigungswissenschaft“ und sah aus biologischer Sicht insbesondere auf dem Felde des therapeutischen Klonens noch so viele ungelöste Probleme, dass eine Anwendung aus Gründen des Nichtschadensprinzips medizinisch noch in weiter Ferne läge.

Erfolge genetischer Diagnostik als ethische Herausforderungen

Besondere ethische Herausforderungen erblickte Cramer angesichts der enormen Erfolge genetischer Diagnostik, die es schon bald ermöglichten, das sich jeder Mensch für 1000 $ einen individuellen Genomausweis ausstellen lassen könne: „Was aber machen wir mit diesem Wissen, wenn wir nicht gleichzeitig therapeutische Strategien bereithalten können?“ Neben dieser Kluft zwischen Diagnose und Therapie hob er darüber hinaus Konflikte auf der Ebene der Verteilungsgerechtigkeit hervor.

Von bloßen Rechtskategorien zu einem Vertrauensverhältnis

Kupatt machte deutlich, dass Erfolge der sogenannten roten Gentechnik in nächster Zeit weniger bei der Heilung von Krebskrankheiten zu erwarten wären, aber doch in erheblichem Maße dazu beitragen könnten, die „Arretierung“ dieser Krankheiten zu bewirken.
Im Hinblick auf eine geforderte Weiterentwicklung der Ethik sprach sich Rendtorff dafür aus, diese aus der gegenwärtig beobachtbaren Umklammerung durch Rechtskategorien (erlaubt/nicht-erlaubt) zu lösen, um so das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient wieder stärker für die individuelle Begleitung von Kranken in den Blick zu bekommen.

Schlussdiskussion

In der anschließenden Diskussion stand vor allem die Frage der gegenwärtigen Veränderung des Verständnisses von Krankheit, aber auch die immer nur vorläufige Reichweite ethischer Folgenabschätzung bei der Gen- und Zelltherapie im Vordergrund.

Kupatt und Rendtorff schränkten ein, dass der Krankheitsbegriff nie mehr abbilden könne als den gegenwärtigen common sense, der seinerseits durch Erfolge auf der Ebene der Therapie begrenzt werde: „Krank ist, wer nicht ohne ärztliche Hilfe leben kann.“ (Rendtorff). Auch könne das vorgelegte Stufenmodell keine absolute Sicherheit im Hinblick auf die ethisch verantwortbaren Anwendungen aus medizinischer Sicht geben.

Im Hinblick auf die in Deutschland vehement geführte Stammzelldebatte hob es Hacker aber doch als bemerkenswert hervor, dass die Forschung gegenwärtig nicht die Nachfrage nach neuen Stammzelllinien stimuliere, sondern sich vor allem der Frage der Reprogrammierung von Körperzellen widme.

Stephan Schleissing