Wieviel Religion verträgt die Grüne Gentechnik?

Die engagierten Debatten auf der TTN-Tagung „Postsäkulare Ethik" haben deutlich gemacht, dass wir gegenwärtig eine Renaissance der Inanspruchnahme von Religion in den Diskussionen um die angewandte Ethik erleben. Am Ende war man sich durchaus nicht einer Meinung, ob man die Rolle des religiösen Ethos als subjektive Glaubensäußerung und damit als bloß partikularen Beitrag einzuordnen habe.

Ebenfalls strittig war, ob eine normative Vernunftethik für sich einen universalen Anspruch der Wertebegründung proklamieren kann oder damit ihr Konto überzieht. Aber einmal abgesehen von den Selbstansprüchen philosophischer und theologischer Ethik – wird diese Verortung der Ethik in einer pluralistischen Gesellschaft der Beschreibung der aktuellen Debattenlage gerecht?

"Bewahrung der Schöpfung" und Grüne Gentechnik

Am Beispiel der Diskussionen um die sogenannte „Grüne Gentechnik“ kann man die Funktion religiöser Semantiken in der anwendungsorientierten Ethik gegenwärtig gut studieren. Seitdem die Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner die Aussaat der Maissorte Mon 810 verboten hat, haben wir in Deutschland eine neue Diskussion um die Gentechnik. Besonders pikant ist nun die Tatsache, dass sich dieser Streit innerhalb der Parteien und Lager derjenigen politischen Formation abspielt, die sich selber als C-Parteien bezeichnen.

Und da fällt doch auf, wie selbstverständlich der Rekurs auf den religiösen Topos der „Bewahrung der Schöpfung“ als Rechtfertigung dafür herzuhalten hat, ob man „für“ oder „gegen“ den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft ist. Beides ist innerhalb der C-Parteien möglich. Für Bayerns Umweltminister Markus Söder geht es bei der Ablehnung der grünen Gentechnik „nicht um Forschungsfeindlichkeit, sondern um die Bewahrung der Schöpfung. Das ist ein urkonservatives Anliegen." Ganz anders sieht das Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan, die sich ebenfalls ausdrücklich der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet fühlt, dabei aber herausstellt, dass sich ein verantwortlicher Einsatz der Pflanzengenetik damit sehr wohl verbinden lässt.

Ausschlaggebend für das Verbot der Maissorte waren freilich nicht religiöse Überzeugungen oder sogenannte „christliche Werte“, sondern Ergebnisse wissenschaftlicher Studien, die es nach gegenwärtigem EU-Recht allein erlauben, eine gültige europäische Zulassung außer Kraft zu setzen. Diese gaben begründeten Anlass für eine mögliche Gefährung der Umwelt durch die Sorte Mon 810. Aber es gibt auch zahlreiche andere wissenschaftliche Studien, die dies ganz anders sehen.

Prognostische Unsicherheit und religiöse Gewissheit

Wissenschaftlich eindeutig scheint der Sachverhalt nicht zu sein. Aber was soll in dieser Situation die Bezugnahme auf Religion bewirken? Soll Religion an die Stelle einer prinzipiellen Revisionsfähigkeit wissenschaftlicher Prognose treten, die der Wissenschaft zwar gut ansteht, aber zugleich in Fragen zukünftiger Technikabschätzung keine letzte Gewissheit zu geben vermag? Oder vermag allererst eine präzise Unterscheidung bzw. Zuordnung von Religion und Wissenschaft die Gründe anerkennungsfähig zu machen, die uns die Aussicht auf ein sicheres Leben verschaffen, - aber eben nur in den Grenzen der „bloßen praktischen Vernunft“? Welche relevanten Sinnbezüge fügt also – und: zum Beispiel – eine Bezugnahme auf die „Bewahrung der Schöpfung“ im Streit um die Gentechnik ihrer ethischen Beurteilung hinzu?

Angesichts dieser Fragen ist es bemerkenswert, dass der Rekurs auf den christlichen Topos „Bewahrung der Schöpfung“ die unterschiedlichen „Lager“ im Hinblick auf die Beurteilung der Grünen Gentechnik nicht zu spalten vermag. Im Gegenteil hat man den Eindruck, dass der Rekurs auf die religiöse Unverfügbarkeit unseres Naturverhältnisses quasi schon Verfassungsrang genießt. Und in der Schweiz hat man mit diesem Phänomen bereits Ernst gemacht, indem man die „Würde der Kreatur“ als zu schützendes Gut nicht nur im Gentechnikgesetz oder in der Tierschutzgesetzgebung verankerte, sondern auch in der Bundesverfassung (Art. 120) festschrieb. Wenn man aber von der Kreatürlichkeit der Lebewesen redet, dann wird der "Kreator" immer mitgedacht.

Religion als Diskursraum für die Wahrnehmung von Verantwortung

Bedroht nun die Bezugnahme auf ein religiös artikuliertes Weltverhältnis das eherne Prinzip einer pluralistischen Debattenkultur, wonach Letztbegründungen jeglicher Couleur keine Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen können? Mir scheint, das Gegenteil ist der Fall. Denn der Rekurs auf die „Bewahrung der Schöpfung“ sagt uns ja nicht, was in den konkreten Fragen der Forschung, Freisetzung und Kommerzialisierung genetisch veränderter Pflanzen jeweils zu tun oder zu unterlassen ist. Vielmehr eröffnet dieser Rekurs einen Kommunikationsraum, innerhalb dessen trotz des gestiegenen Bewusstseins von der nur begrenzten Plan- und Beherrschbarkeit technischer Eingriffe in die Natur gleichwohl von „Verantwortung“  geredet werden kann. „Moral führt unausbleiblich zu Religion“ hat der Philosoph des Protestantismus, Immanuel Kant, geurteilt. Typisch für die Realität moderner Ethikdiskurse scheint auch die umgekehrte Formulierung zutreffend zu sein: „Religion führt unausbleiblich zu Moral“, ohne freilich einfach an ihre Stelle zu treten.

Was das im Hinblick auf die anstehenden politischen Entscheidungen bedeutet, muss dann freilich politisch diskutiert werden. In den nächsten Wochen und Monaten wird TTN diese Debatten aufmerksam begleiten. Am 20. Juli wird der TTN-Fellow Prof. Dr. Reiner Anselm auf einem Symposium des Bayerischen Wissenschaftsministerium im Gespräch u.a. mit dem Vorstand der Bio-M AG, Prof. Dr. Horst Domday und dem Bayerischen Staatsminister für  Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie, Martin Zeil, den Standpunkt der Evangelischen Kirche vertreten. Und am 12. November lädt TTN zu einem Hearing in die Evangelische Akademie Tutzing ein. Thema: „Grüne Gentechnik: Prognose, Fortschritt oder Hybris?“ Man darf gespannt sein, welche Positionen sich innerhalb des Protestantismus in den religiösen Debatten um die Grüne Gentechnik entwickeln werden.

Kommentare

Religiöses Vokabular birgt unterschiedliche Interpretationen

Die Diskussionen um Grüne Gentechnik werden so häufig wie unbedacht mit religiösem Vokabular gefüllt, dass man als Leser inzwischen kein besonderes Augenmerk mehr darauf legt.

Auf den zweiten - genaueren - Blick aber, zeigt sich, wie sehr die Begriffe "Schöpfung", "Kreatur", "Würde der Kreatur" gefüllt sind mit Interpretationen. Sie können religiös gelesen, humanistisch gedeutet oder politisch gebraucht werden.
Auf jeden Fall erwähnenswert scheint mir, dass sie die Emotionen erreichen.

Und das kann Stärke als auch Schwäche sein.
Die Schwäche daran ist, dass sie zwar die wissenschaftlichen Erkenntnisse bereichern, diese wären ohne sie jedoch genauso bedeutsam.

Die Stärke aber ist es, dass sie Menschen ansprechen; unsere Kultur ist christlich geprägt. Durch den (christlich) religiösen Wortschatz expliziert man, was die Wissenschaft in reinem Faktenwissen darlegt.

Ein paar Gedanken zur Thematik

1. Religion spielt faktisch in der Debatte um die grüne Gentechnik eine Rolle, und dies ist weder überraschend noch neu. Die Sorge um den unzulässigen „Eingriff in die Schöpfung“ seitens des Menschen, der damit „Gott spielt“ und die gute alte Schöpfungsordnung in Unordnung bringt, ist so alt wie diese Technik. So lange Menschen religiös sind und solange sie sich daher in der Religion verankerten normativen Ordnungen verpflichtet fühlen, wird dies auch so bleiben. Ob allerdings die Religion Quelle der normativen Vorstellungen über die grüne Gentechnik ist, oder aber bloß zur sekundären Rationalisierung moralischer Gefühle (oder vielleicht sogar ökonomischer Interessen?) dient, lässt sich kaum feststellen.

2. Solange es religiöse Menschen gibt, wird Religion auch in der Politik eine Rolle spielen. Sei es, dass Politiker mit religiösen Semantiken ihre ureigensten Überzeugungen zum Ausdruck bringen, sei es, dass sie mit religiösen Semantiken um die Stimmen der religiösen Wähler buhlen. In der Debatte um die grüne Gentechnik kommt sicherlich beides vor.

3. Die Bezugnahme auf Formeln wie „Bewahrung der Schöpfung“, „Würde der Kreatur“ usw. darf in ihrem religiösen Gehalt aber nicht überbewertet werden. Die Formulierungen sind zwar unbestreitbar religiösen Ursprungs, sind aber so tief in unseren Kulturbestand eingegangen, dass sie auch dann verstanden werden können, wenn das religiöse Hintergrundwissen – geschweige denn die religiösen Überzeugungen – nicht mehr vorhanden sind. In ihrer Intention, aber auch in ihrer Semantik können sie daher auch von eingefleischten Atheisten und Laizisten mitgetragen werden. Möglicherweise funktionieren sie ähnlich wie der Begriff des „Sonnenaufgangs“, der zwar wissenschaftlich gesehen falsch ist, aber dennoch von allen verstanden wird. Gegenüber neutraleren Begriffen wie „Bewahrung der Welt“ und „Würde des Lebewesens“ haben die religiösen Formulierungen überdies den Vorteil, sogenannte „thick concepts“ zu sein, d.h. sie transportieren auch normative Aspekte mit; so schwingt bei ihnen etwa der Gedanke der Unverfügbarkeit und die Ehrfurcht, mit denen wir der Welt und dem Leben auf ihr begegnen (sollten), mit. Mit anderen Worten: Die religiösen Formeln sind vielleicht einfach deshalb so beliebt, weil sie äußerst praktisch sind.

4. In den spezifischen ethischen Debatten ist die Rolle der Religion schwierig zu fassen. Bei der Begründung ethischer Normen dürften (aufgrund des Neutralitäts- und Universalitätsanspruch ethischer Begründungen) religiöse Überzeugungen keine Rolle spielen. Andererseits spielt Religion freilich in mindestens drei anderen Hinsichten eine Rolle:
a) Die Akteure der Debatten (z.B. Ethiker) sind zum Teil religiöse Menschen; ihre Religiosität wird daher ihre Argumentation beeinflussen.
b) Diese Debatten spielen sich nicht im luftleeren Raum ab, sondern sind in eine Lebenswelt eingebettet, die zutiefst durch religiöse Traditionen geprägt ist.
c) Die ethischen Debatten und Begründungen müssen – wenn sie denn anschlussfähig bleiben wollen – die Religiosität in der Gesellschaft berücksichtigen. In der Regel geschieht dies unter dem Label der Autonomie.

Aspekt der Risikowahrnehmung

Ich möchte die dargelegten Punkte um eine meines Erachtens entscheidende Perspektive erweitern, namentlich um die der Risikowahrnehmung bzw. der Risikokommunikation. Die Diskussion über die Grüne Gentechnik, wie sie zurzeit im öffentlichen Diskurs geschieht, findet vorwiegend als Risikodiskussion statt. Und gerade im weiten Feld der Risikowahrnehmung muss der Religion eine gewichtige Rolle zuerkannt werden.

Wer den Diskurs über Grüne Gentechnik verstehen will, darf nicht nach Sichtung der wissenschaftlichen Datenlage innehalten; der Auseinandersetzung liegen tiefer liegende, außerwissenschaftliche Bilder und Konzepte zugrunde,  die obwohl sie selten klar artikuliert werden von großer Wirkmächtigkeit im herrschenden Diskurs sind. So kommt es, dass Menschen befragt zur Grünen Gentechnik Auskünfte geben wie „Ich weiß nicht, irgendwie hab ich kein gutes Gefühl dabei.“ Die wissenschaftliche Datenlage vermag nicht zu überzeugen, wie viel weniger bei einem sensiblen Thema wie Gentechnik, das Hoffnung weckt und Ängste schürt. Was inwieweit ein Risiko darstellt und was nicht, ist nicht über wissenschaftliche Daten einzufangen. Konzepte und Überzeugungen à la „Die Ordnung der Natur ist perfekt und bedarf keiner Verbesserung“ spielen hierbei eine entscheidende Rolle.

Ohne die Bedeutung der Religion in bioethischen Diskursen auf eine ausschlaggebende Quelle dieser wirkmächtigen Konzepte zu beschränken, sprich ohne die Religion nur (!) durch die Hintertür reinzulassen, muss diese Konstellation – will man den Diskurs verstehen – doch Berücksichtigung finden; wie vielmehr, wenn man erfolgreiche Politik nicht zuletzt immer auch als erfolgreiche Risk Communication/Governance versteht,

Grüne GVO - Aspekt der Risikowahrnehmung

Den Beitrag finde ich sehr Zielführend, da er auf ein anderes, wirksames System abhebt. Die Auseinandersetzung um Grüne GVO ist wahrscheinlich nicht rational zu führen. Vielmehr scheint diese Auseinandersetzung von PR und Markt um Aufmerksamkeit im Sinne des menschlichen Bedürfnisses nach Sicherheit geprägt zu sein. Es ist genügend austauschbare, verschiedene Ware zum Verzehr und zur Lusterfüllung vorhanden.