Tierversuche - ein moralisches Dilemma

Haben wir ein Recht darauf, Tiere für uns leiden zu lassen? Die Verwendung von Affen für Abgasuntersuchungen in den USA hat große Empörung verursacht. Zwar haben sich die deutschen Autobauer von ihren Dieseltests in den USA sofort distanziert. Doch dem wissenschaftlichen Tierversuch haben sie einen Bärendienst erwiesen. Wäre so etwas auch in Deutschland möglich? Zur Akzeptanzbeschaffung von Treibstoffen? Ich hoffe es nicht. Nach dem deutschen Tierschutzgesetz sind nur solche Versuche erlaubt, die das Ziel haben, Krankheiten vorzubeugen, zu erkennen oder zu behandeln. In ganz seltenen Fällen kommen dabei auch Tierversuche mit Affen in Frage. Zumeist sind dies sogenannte Giftigkeitsprüfungen bei lebenswichtigen Medikamenten. Doch die Hürden des deutschen Tierschutzgesetzes sind hoch. Ein Antragsteller muss belegen, ob er sein Forschungsziel nicht durch alternative Methoden erreichen kann. Vor allem aber muss er begründen, dass sein Tierversuch im Hinblick auf die Schmerzen und das Leid, das dem Tier zugefügt wird, „unerlässlich“ ist. Das Problem: Dafür gibt es keine objektiven und unbestreitbaren Kriterien. Das weiß natürlich auch der Gesetzgeber. Deshalb haben wir auch kein Recht, Tiere unnötig für uns leiden zu lassen. Das entbindet den Forscher und die zulassende Stelle jedoch nicht von der Verantwortung zur Abwägung: Wie verhält sich der herausragende Nutzen des Tierversuchs zur Pflicht, das Leid des Tieres maximal zu reduzieren? Sicher, im Einzelfall mag es gute Gründe geben, die Zulassung eines Tierversuchs zu kritisieren. Aber sie verdient Respekt. Nur wer meint, ohne Schuld durchs Leben zu kommen, wird leugnen, dass es ein moralisches Dilemma geben kann.  

Dieser Kommentar erschien zuerst am 02. Februar 2018 in den regionalen Zeitungstiteln des RedaktionsNetzwerks Deutschland.

Vertiefte Informationen zum Thema "Tierversuche" finden Sie hier:

Clemens Wustmans / Stephan Schleissing: Tierversuche. Nutzen und Schaden?, online in: Stephan Schleissing, Andreas Losch und Frank Vogelsang (Hg.): Ethische Gegenwartsfragen in der Diskussion, TTN-Edition 2017

Regina Binder / Norbert Alzmann / Herwig Grimm [Hg.]: Wissenschaftliche Verantwortung im Tierversuch. Ein Handbuch für die Praxis (TTN-Studien Band 3), Baden-Baden: Nomos Verlag 2013, mit Beiträgen von: Norbert Alzmann (Tierethik), Regina Binder (Tierrecht), Andreas Futschik (Biostatistik), Herwig Grimm (Ethik der Mensch-Tier-Beziehung), Peter W. Kronen (Veterinärmedizin), Vera Marashi (Verhaltensbiologie), Yves Moens (Veterinärmedizin), Ulrike Pohl (Veterinärmedizin), Thomas Rülicke (Veterinärmedizin), Claus Vogl (Tierzucht und Genetik), Hanno Würbel (Tierschutz und Ethologie)