Zusammenfassung "Biomedizinische Eingriffe am Menschen Ein Stufenmodell zur ethischen Bewertung von Gen- und Zelltherapie. Eskalationsmodell II"

Die biomedizinische Forschung und die Anwendung ihrer Erkenntnisse haben in den letzten Jahren rapide Fortschritte gemacht. Die Vorlage der kompletten Genomsequenzen vieler Organismen, einschließlich des Menschen hat neue Einblicke in die Prozesse der Differenzierung von menschlichen Zellen ermöglicht.

Neuartige Therapieverfahren sowie innovative Ansätze bei der Herstellung von Medikamenten haben als Ergebnisse der Grundlagenforschung einen direkten Bezug zur Krankenversorgung. Viele therapeutische Erfolge der Medizin werden schon heute durch die Anwendung von gen- und zellbiologischen Forschungsergebnissen erzielt.

Voraussetzung für diese Entwicklungen war die Entdeckung der DNA als „Material“ der Erbsubstanz Mitte des vergangenen Jahrhunderts. In deren Folge entstanden Techniken der Zerlegung und –Zusammensetzung der DNA: die Gentechnik. Seit einigen Jahren steht der Gentechnik  ein neues, rasch wachsendes therapieorientiertes Forschungsgebiet zur Verfügung: die Stammzellenbiologie.

Die aktuelle Forschungsdynamik wurde Ende vorigen Jahrhunderts ausgelöst durch Arbeiten zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen. Damit wurde es möglich, die Existenz von gewebespezifischen Stammzellen in vielen Organen nachzuweisen, Stammzellen in vitro zu kultivieren, Stammzelllinien zu etablieren und die „Pluripotenz“ der embryonalen Stammzellen zu beschreiben, d.h. ihre Fähigkeit, sich in jeden Zelltypus eines Organismus zu differenzieren. Die  erstmals geglückten Experimente zur Reprogrammierung von adulten Zellen könnten eine weitere Revolution in der Stammzellbiologie heraufführen.

Die Forschungsfelder der Gentechnik waren seit der Entdeckung der DNA in der Biologie mit großen Hoffnungen und hochfliegenden Erwartungen verknüpft, zugleich aber in der Öffentlichkeit auch mit fundamentalen Widerständen und großer Skepsis konfrontiert. Sowohl in der scientific community, mehr noch und vor allem in der Öffentlichkeit war – und ist - die moderne Genforschung Anlass zu engagierten öffentlichen Debatten. Kernpunkt dieser Debatten ist immer wieder die ethische Bewertung dieser Forschungen und ihrer Anwendung am Menschen. Diese Frage betrifft das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Nicht nur muss die Öffentlichkeit die Möglichkeit haben, auf informierte Weise an den Entwicklungen der Forschung teilzunehmen. Auch die Wissenschaft ist auf ihrem Weg in Neuland auf einen tragfähigen öffentlichen Konsens angewiesen.

Das Institut TTN an der Ludwig-Maximilians-Universität München hat im Blick auf diese Debatte 1997 eine Studie erstellt, die für die Bearbeitung dieser Fragen ein ethisches Bewertungsmodell entwickelt.* Die jetzt vorliegende Studie ist eine völlige Neubearbeitung, die sich auf den inzwischen veränderten Stand von biomedizinischer Forschung und Anwendung und der mit verbundenen Debatten bezieht.

Im Zuge einer zunehmenden Anwendungsorientierung der beiden Forschungsfelder – Gentechnik und Stammzellbiologie – haben sich die früher geäußerten Erwartungen und Ziele mittlerweile als zu weit gesteckt und die entsprechenden Befürchtungen als zu pauschal erwiesen. Weiter gehende und vertiefte Forschungen haben zu einer Differenzierung der Ziele und der Projekte geführt.

Inzwischen ist in die Debatte eine gewisse Nüchternheit eingekehrt. Wissenschaftliche Konzepte wurden in die Anwendungsforschung der Studien-Medizin überführt. Diskussionen über zukünftige, teilweise sciencefictionartige Entwicklungen sind zurückgetreten hinter die Ergebnisse der Zellbiologie, hinter therapeutisch relevante Fragen ihrer tatsächlich möglichen klinischen Anwendung und ihrer Verträglichkeit und Nebenwirkungen bei Eingriffen im Bezugsfeld medizinisch-ärztlicher Kompetenz. Dieses weiter entwickelte und konkretisierte Feld biomedizinischer Forschung und Anwendung wird in dieser neuen Studie aufgenommen  und erörtert.

Die ethische Diskussion dieser Forschungsfelder hat sich allerdings nicht auf die tatsächlichen bzw. wahrscheinlichen medizinischen Anwendungen konzentriert. Bei der Gentherapie beherrschte vielmehr der die menschliche Natur verändernde Eingriff in das menschliche Genom die Debatten. Bei den Stammzellen sind es vor allem die ethischen Fragen der Stammzellgewinnung aus menschlichen Embryonen, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Charakteristisch für diese Fragen ist, dass sie eine Polarisierung zwischen prinzipieller Ablehnung und uneingeschränkter Bejahung befördern – eine Polarisierung, die Gefahr läuft, auf das gesamte Feld der Gen- oder Stammzellbiologie und ihrer möglichen medizinischen Anwendungen übertragen zu werden. Eine solche Frontbildung wird aber weder der Komplexität und Vielgestaltigkeit der wissenschaftlichen Problematik gerecht noch ist sie einer verantwortlichen ethischen Debatte zuträglich. Zwischen diesen Polen der prinzipiellen Ablehnung und der vorbehaltlosen Bejahung liegt das Feld konkreter Bewertungen und Entscheidungen. Hier ist Aufklärung und problemorientierte Klärung die Voraussetzung für jedwede Verbreiterung wissenschaftlicher Anwendungen.

Die schon praktizierten oder künftig möglichen Anwendungen der Gen- und Stammzelltechnologie werfen Fragen danach auf, ob derartige Eingriffe beim Menschen zu legitimieren sind und nach welchen Kriterien und unter welchen Bedingungen ihre Weiterentwicklung zu fördern ist. Das Stufenmodell zur ethischen Bewertung soll dazu dienen, die Polarisierung in der ethischen Diskussion zu überwinden.

Eine differenzierte Analyse und Bewertung der verschiedenen bereits praktizierten oder möglichen Eingriffe am Menschen soll dazu verhelfen, Unterscheidungen in der Gen- und Stammzellmedizin zu reflektieren. Zusammen mit den dabei leitenden Kriterien, die in Thesen gefasst sind, soll das Stufenmodell einen exemplarischen Beitrag zum Umgang mit bioethischen  Fragen leisten.

Exemplarisch heißt dabei: Die Thesen und ihre fallweise Erläuterung und Begründung beschränken sich ausdrücklich auf gen- und stammzellmedizinische Eingriffe am Menschen, also auf neue Behandlungsformen, die aufgrund von Erfolgen der Gen- und Stammzellbiologie bereits praktiziert werden bzw. mit Grund  erwartet werden können.

Ethische Urteilsbildung im konkreten Feld biomedizinischer Anwendungen am Menschen muss sich an Überzeugungen und Überlegungen orientieren, die Grundelemente eines allgemeinen, öffentlichen, kulturellen und normativen Konsenses sind. Anders wird eine ethische Beurteilung nicht die erforderliche Überzeugungskraft entwickeln.

Gen- und stammzellmedizinische Eingriffe, wie sie hier diskutiert werden, können ausschließlich von Ärzten durchgeführt werden. Für die ethische Betrachtung bedeutet dies, dass der Ort der ethischen Urteilsbildung dadurch präzise bestimmt ist: Der Arzt ist das handelnde und konkret verantwortliche Subjekt. Der ärztliche Beruf bildet den Bezugspunkt für das Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und ihrer praktischen Anwendung. Aus diesem Grund geht die vorliegende ethische Betrachtung vom Berufsethos des Arztes aus. Dieses gibt für die biomedizinischen Eingriffe am Menschen den Handlungsrahmen vor.

Das Berufsethos des Mediziners als Arzt besagt, dass ärztliches Handeln der Krankheit und Heilung von individuellen Personen gilt. Dies umfasst folgende Grundelemente: Autonomie (als Teil der Menschenwürde), Angemessenheit des Risiken-Nutzen-Verhältnisses, Krankheitsbezug und Öffentlichkeit der Forschung. Werden diese allgemeinen ethischen Elemente mit konkreten Anwendungsfällen in Bezug gesetzt, ergeben sich die spezifischeren Kriterien des Risikos des Eingriffs, der Reversibilität des Eingriffs, der Proliferation der veränderten Zellen und des Auftretens von rechtlichen und ethischen Konflikten, die als Gradmesser für die öffentliche gesellschaftliche Billigung dieser Eingriffe angesehen werden können.

Auf dieser Basis  wird das Feld der  medizinischen Anwendungen der Gen- und Zellbiologie  in vier Stufen dargestellt, die – in Kurzform gesagt – von „ethisch unbedenklich“ (Stufe 1) bis zu „ethisch nicht vertretbar“ (Stufe 4) hin eskalieren. Das Stufenmodell geht von „unproblematischen“ Fällen aus zu zunehmend problematischeren Fällen, in der Entwicklung befindlichen oder nur prospektierten Verfahren.