Stammzellen

Medizinisch-Naturwissenschaftliche Aspekte


Stammzellen
Stammzelltypen

Medizinische Bedeutung
Gewinnung
Ursprung der Embryonen


Rechtliche Aspekte


Rechtliche Lage in Deutschland


Ethische Aspekte


Der moralische Status des Embryos
Therapeutisches Klonen
Eizellspende
Cybride bzw. Mensch-Tier-Embryonen



Medizinisch-naturwissenschaftliche Aspekte


Stammzellen


Zellen sind die Grundbausteine allen Lebens. Der menschliche Körper besteht aus ca. 100 Billionen Zellen, die im Körper die unterschiedlichsten Funktionen übernehmen und dafür spezialisiert sind (z.B. Leberzellen, Haarzellen, Hautzellen, Muskelzellen usw.). Im menschlichen Körper gibt es ca. 220 solcher spezialisierten Zell- bzw. Gewebetypen. Organisiert sind sie in hierarchisch aufgebauten Zellsystemen mit den spezialisierten, ausdifferenzierten Zellen an der Spitze und den wenig differenzierten Stammzellen an der Basis.
Pro Sekunde gehen im menschlichen Körper ca. 50 Millionen Zellen zugrunde, die durch neue Zellen ersetzt werden müssen. Für diese Neuproduktion der Zellen ist ein spezieller Zelltyp zuständig: die Stammzellen.


Stammzellen sind ein seltener und immens wichtiger Zelltyp für die Entwicklung und den Erhalt vieler Gewebe und Organe des Körpers. Sie zeichnen sich durch zwei besondere Fähigkeiten aus: Stammzellen können durch Zellteilung neue Stammzellen erzeugen, und sie können sich in spezialisiertere Zellen entwickeln bzw. differenzieren. Durch diese beiden besonderen Eigenschaften verleihen Stammzellen den Geweben die Fähigkeit, verbrauchte Zellen zu ersetzen und Schäden zu reparieren.


Stammzelltypen


Während der Entwicklung des Organismus von der befruchteten Eizelle, der Zygote, über das Morula- und Blastozystenstadium zum Embryo, Fötus und Neugeborenen entstehen verschiedene Stammzelltypen, die sich in ihrem Entwicklungspotential deutlich unterscheiden:


Totipotente Stammzellen


Die befruchtete Eizelle, d.h. die Zygote, und die Zellen der frühen Morula (ca. zwei Tage nach der Befruchtung) besitzen die Fähigkeit, einen kompletten Embryo zu erzeugen. Diese Zellen werden aus diesem Grund totipotente (von lateinisch totus - ganz) Stammzellen genannt.


Pluripotente Stammzellen


Drei bis vier Tage nach der Befruchtung hat sich die Zygote über das Morulastadium zu einer Blastozyste entwickelt. Die Blasozyste ist eine Zellkugel aus etwa 100-200 Zellen. Sie besteht aus einer inneren Zellmasse, einer sie umgebenden äußeren Zellschicht, dem sogenannten Trophektoderm, und der flüssigkeitsgefüllten Blastozystenhöhle. Aus der inneren Zellmasse entwickelt sich der Embryo, während das Trophektoderm an der Bildung der Plazenta und dem Dottersack teilnimmt.


Die Zellen der inneren Zellmasse, aus denen sich der Embryo entwickelt, sind die sogenannten embryonalen Stammzellen. Sie besitzen die Fähigkeit, alle Zellen eines Körpers zu bilden und werden daher als pluripotent (von lateinisch pluris – mehr). bezeichnet. Im Unterschied zu den totipotenten Stammzellen können sie aber keinen intakten Organismus mehr erzeugen, sondern entwickeln sich nur noch im Kontext des entstehenden Embryos. 


Multipotente Stammzellen


Nach Abschluss der Embryonalentwicklung finden sich im Organismus Zellen, die nur noch Zellen ihres Zellsystems erzeugen können (Blustammzellen erzeugen z.B. die verschiedenen Blutzelltypen wie rote Blutkörperchen, Makrophagen, Lymphozyten usw.). Bei diesen Zellen handelt es sich um adulte Stammzellen, die aufgrund ihrer relativ eingeschränkten Entwicklungsfähigkeit als multipotente Stammzellen (von lateinisch multus – viel) bezeichnet werden.
Bis heute sind ca. 20 adulte Stammzelltypen entdeckt worden. Adulte Stammzellen finden sich vor allem in Geweben mit hohem Zellumsatz, wie dem Dünndarm, der Haut, dem Knochenmark, aber auch in teilungsinaktiven Geweben wie Gehirn oder Herz.


Induzierte pluripotente Stammzellen


Im Gegensatz zur Zygote, zu embryonalen und zu adulten Stammzellen, die alle natürlichen Ursprungs sind, handelt es sich bei den so genannten induzierten pluripotenten bzw. reprogrammierten Stammzellen um künstlich hergestellte Stammzellen. Hierzu werden adulte somatische, d.h. ausdifferenzierte Körperzellen wie z.B. Hautzellen mit bestimmten Faktoren so behandelt, dass sie sich in Zellen verwandeln, die größte Ähnlichkeit mit pluripotenten embryonalen Stammzellen haben. Gegenwärtig können die reprogrammierten Zellen die embryonalen Stammzellen allerdings noch nicht ersetzen, da man über die Prozesse, die bei der Reprogrammierung ablaufen, noch zu wenig weiß und sie noch nicht genügend kontrollieren kann. Aus diesem Grund ist man weiterhin auf embryonale Stammzellen, die gleichsam als Goldstandard gelten, angewiesen.

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Medizinische Bedeutung


Die hohe Bedeutung der Stammzellen für die Medizin erklärt sich aus zwei Gründen:



  • Zum einen lässt sich durch die Erforschung der Stammzellen wichtiges medizinisches Grundlagenwissen gewinnen, z.B. über die Prozesse der Zellentwicklung und –differenzierung, über die Funktion von Genen und über die Entwicklung von Krankheiten.

  • Zum anderen können Stammzellen in der Gewebeersatztherapie zur Reparatur und zum Ersatz von beschädigtem und abgestorbenem Gewerbe verwendet werden. Dies kann, wie z.B. bei der Blutstammzelltherapie dadurch geschehen, dass die Stammzellen direkt in den kranken Organismus eingefügt werden (in vivo), um dort die beschädigten Stammzellen zu ersetzen und für eine Neuproduktion der notwendigen differenzierten Zellen (z.B. Blutzellen) zu sorgen. Oder es kann dadurch geschehen, dass aus Stammzellen im Labor diejenigen differenzierten Zellen gezüchtet werden, die für die Therapie benötigt werden. In diesem Fall werden nur die differenzierten Zellen transplantiert. 

Adulte Stammzellen


Adulte Stammzellen werden gegenwärtig bereits in der Therapie verwendet. Vor allem die Blutstammzelltransplantation wird bei einer Vielzahl von Erkrankungen des Blutsystems eingesetzt. In Zukunft könnten adulte Stammzellen etwa zur Regeneration von beschädigtem Herzmuskelgewebe oder zur Züchtung von Ersatzgewebe, wie beispielsweise Knorpel und Gefäßprotesen, Verwendung finden.


Die Einsatzfähigkeit von adulten Stammzellen ist aber beschränkt: Erstens sind adulte Stammzellen schwer aufzufinden, schwer zu isolieren und schwer in Kultur zu halten und zu vermehren. Zweitens sind adulte Stammzellen stets auf ihren bestimmten Gewebetyp festgelegt. Dafür, dass sich adulte Stammzellen in Gewebe eines anderen Typs entwickeln können (Transdifferenzierung), hat man bislang keine Hinweise finden können. Drittens treten bei denjenigen Behandlungen, bei denen Gewebespender und Gewebeempfänger nicht identisch sind, immunologische Abwehrreaktionen auf, die lebensbedrohlich sein können. Dieses Problem könnte durch patientenspezifische embryonale Stammzellen, die mittels therapeutischen Klonens oder durch Reprogrammierung von patienteneigenen Körperzellen gewonnen werden, umgangen werden. 


Embryonale Stammzellen


Im Gegensatz zu den adulten Stammzellen, die schwer aufzufinden und zu isolieren sind und die sich außerdem schwer in Kultur halten und vermehren lassen, ist die Gewinnung und Kultivierung von embryonalen Stammzellen technisch nicht sehr schwierig. Darüber hinaus besitzen embryonale Stammzellen zwei herausragende Eigenschaften:



  1. Embryonale Stammzellen können in der Gewebekultur vermehrt und manipuliert werden. Dies erlaubt Wissenschaftlern Rückschlüsse auf die Genfunktionen und die Beteiligung gewisser Gene an der Kranheitsentwicklung beim Menschen.

  2. Embryonale Stammzellen entwickeln sich unter speziellen Kulturbedingungen zu einer Vielzahl von Zelltypen, wie z.B. Blutzellen, Zellen des Gehirns oder Herzmuskelzellen. Adulte Stammzellen können sich demgegenüber nur in die Zellen ihres Gewebes differenzieren.

Embryonale Stammzellen werden gegenwärtig in der Therapie noch nicht eingesetzt, da sie ein hohes Entartungsrisiko bergen. Zum Einsatz kommen sie allerdings in der Toxikologieforschung (wo z.B. Leberzellen, die aus embryonalen Stammzellen abgeleitet wurden, für Medikamententests verwendet werden) und in der Grundlagenforschung, wo es darum geht, die komplexen Differenzierungsvorgänge in der frühen Embryonalentwicklung zu verstehen.

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Gewinnung


Adulte, multipotente Stammzellen werden durch Entnahme des stammzellhaltigen Gewebes (z.B. Knochenmark) und anschließende Isolation der Stammzellen gewonnen.


Pluripotente Stammzellen werden aus drei bis vier Tagen alten Embryonen, den Blastozysten, gewonnen. Hierzu wird mittels Antikörper- oder Laserbehandlung die äußere Schutzhülle, der Trophoblast, zerstört und die dadurch freigelegte innere Zellmasse, die aus embryonalen Stammzellen besteht, isoliert und in Kultur vermehrt.

Pluripotente Stammzellen können auch aus klonierten Blastozysten gewonnen werden. Hierzu wird eine Eizelle entkernt und mit dem Zellkern einer differenzierten adulten Körperzelle (etwa einer Hautzelle des Patienten) ausgestattet. Die Eizelle wird nach erfolgtem Kerntransfer durch einen elektrischen Impuls aktiviert, wodurch sie sich zu entwickeln beginnt. Hat sie das Blastozystenstadium erreicht, werden aus ihr nach der oben geschilderten Methode die embryonalen Stammzellen gewonnen.
Der medizinische Sinn dieses sogenannten „therapeutischen Klonierens“ liegt darin, maßgeschneiderte, patientenspezifische Ersatzzellen gewinnen zu können, die beim Patienten keine immunologische Abstoßungsreaktion hervorrufen, da Spender- und Empfängergewebe genetisch nahezu identisch sind. Mit der Entwicklung des Verfahrens der Reprogrammierung erscheint das therapeutische Klonen aber als nicht mehr notwendig.

Reprogrammierte Zellen bzw. induzierte pluripotente Stammzellen werden durch Behandlung von differenzierten adulten Körperzellen mit bestimmten Faktoren gewonnen. Die Herausforderung liegt gegenwärtig darin, diese Faktoren, die durch Viren in das Erbgut der Zelle eingebracht werden und die dort das embryonale Programm der Zelle aktivieren, so zu konstruieren, dass das embryonale Programm auch wieder ausgeschaltet wird, da es sonst zu Tumorbildungen kommen kann. Zur Zeit wird daher versucht, die Reprogrammierung der Zelle durch andere, sicherere Techniken zu erreichen.

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Ursprung der Embryonen


Für die drei bis vier Tage alten Embryonen, aus denen pluripotente Stammzellen gewonnen werden, gibt es drei unterschiedliche Quellen:



  1. In Deutschland dürfen bei einer künstlichen Befruchtung nur so viele Embryonen erzeugt werden, wie in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Es kann dabei allerdings vorkommen, dass die Embryonen entgegen der ursprünglichen Absicht – etwa aus medizinischen Gründen – nicht implantiert werden können. Diese Embryonen werden eingefroren und, sofern nicht eine Implantation zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt, später zerstört. Sie könnten aber auch der Forschung zur Verfügung gestellt werden. In Deutschland ist dies allerdings rechtlich nicht möglich.

  2. In vielen Ländern ist es möglich, bei einer künstlichen Befruchtung mehr Embryonen zu erzeugen, als in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Dies hat den Zweck, aus den Embryonen die für die Einpflanzung am geeignetsten auszuwählen, um die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Schwangerschaft zu erhöhen. Von den erzeugten Embryonen würden in diesem Fall nur ein oder zwei für die Implantation ausgewählt werden, während die anderen übrig bleiben, ebenfalls tiefgefroren und später zerstört werden würden, sofern sie nicht für die Forschung verwendet werden würden.

  3. In einigen Ländern, ist es möglich, sogenannte „Forschungsembryonen“, d.h. Embryonen eigens für die Forschung, zu erzeugen. Beispielsweise wird Paaren in Großbritannien eine Vergünstigung der Behandlung für eine künstliche Befruchtung angeboten, wenn sie sich bereit erklären, einige zusätzliche Embryonen erzeugen zu lassen und der Forschung zu spenden.

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Rechtliche Aspekte


Rechtliche Lage in Deutschland


Die Forschung mit Stammzellen ist weltweit und auch in Europa sehr unterschiedlich geregelt (für einen Überblick siehe die World Stem Cell Map). Der Umgang mit Stammzellen ist in Deutschland rechtlich hauptsächlich durch das Stammzellgesetz und das Embryonenschutzgesetz geregelt. Während die Gewinnung von adulten Stammzellen juristisch unproblematisch möglich ist, sofern die Betroffenen bzw. Zustimmungsberechtigten dem Eingriff zustimmen, ist die Gewinnung von embryonalen Stammzellen aus frühen Embryonen verboten. Die Gewinnung aus klonierten Embryonen ist rechtlich umstritten. Die Forschung mit embryonalen Stammzellen hingegen ist mit Einschränkungen erlaubt. Um diese Forschung durchführen zu können, müssen embryonale Stammzellen aus dem Ausland importiert werden. Der Import von embryonalen Stammzellen ist dann erlaubt, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind. Zu diesen Bedingungen zählen unter anderem:



  • Die embryonale Stammzelllinie muss vor dem 1. Mai 2007 etabliert worden sein (Stichtagsregelung).

  • Die embryonale Stammzelllinie muss von einem „überzähligen“ Embryo abgeleitet worden sein; sie darf nicht von einem „Forschungsembryo“ stammen.

  • Jede Einfuhr und jede Verwendung bedarf einer Genehmigung. Der Antrag auf Erteilung der Genehmigung ist beim Robert Koch-Institut zu stellen; das Robert Koch-Institut holt dazu eine Stellungnahme der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellforschung ein.

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Ethische Aspekte


Während die Forschung mit adulten und mit induzierten pluripotenten (reprogrammierten) Stammzellen als ethisch weitgehend unproblematisch angesehen wird, hat die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen zu heftigen ethischen Debatten Anlass gegeben. Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht dabei die Frage, ob frühe menschliche Embryonen für die Gewinnung von embryonalen Stammzellen, bei der die Zerstörung dieser Embryonen in Kauf genommen werden muss, verwendet werden dürfen. Weitere ethisch diskutierte Themen betreffen die Zulässigkeit des sogenannten therapeutischen Klonens und der Spende von Eizellen sowie die Herstellung von sogenannten Cybriden, d.h. von Embryonen aus menschlichem Zellkern und tierischer Eizelle.


Der moralische Status des Embryos


Die Frage, ob es moralisch zulässig ist, frühe menschliche Embryonen für die Gewinnung von embryonalen Stammzellen zu verwenden und damit ihre Zerstörung in Kauf zu nehmen, wird unter der Frage nach dem moralischen Status des Embryos – bzw. der Frage: „Ab wann ist der Mensch ein Mensch?“ – verhandelt: Kommt dem frühen, d.h. 3-4 Tage alten, Embryo derselbe moralische Status wie einem geborenen Menschen zu, dann ist die Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen unzulässig. Kommt dem Embryo dieser Status hingegen nicht oder nicht voll zu, dann ist  er offen für Abwägungen im Kontext anderer hochwertiger Güter (Forschungsfreiheit, Entwicklung neuer Therapien); die Gewinnung von Stammzellen  aus Embryonen erscheint aus dieser Perspektive folglich verhandelbar.


Der Grund für das Problem


Der tiefere Grund dafür, warum die Frage nach dem moralischen Status des Embryos überhaupt auftaucht, hängt mir der Geltung von moralischen Ansprüchen bzw. Rechten zusammen. Moralische Rechte sind an das Vorhandensein bestimmter Eigenschaften gekoppelt. So sprechen wir Menschen viele moralische Rechte zu, die wir Tieren und Pflanzen nicht zusprechen. Dies liegt daran, dass Menschen im Unterschied zu Tieren und Pflanzen gewisse Eigenschaften aufweisen (etwa Sprachfähigkeit, Selbstbewusstseinsfähigkeit, Fähigkeit zu rationalem Handeln, Fähigkeit, Pläne und Ziele zu haben, usw.), die diese moralischen Rechte legitimieren.

Hängen diese moralischen Rechte so wie dargestellt an diesen zentralen menschlichen Eigenschaften, dann kommen sie aber nicht nur Tieren und Pflanzen, sondern möglicherweise auch menschlichen Embryonen nicht zu.


Zwei Positionen


Die Antwort auf die Frage nach dem moralischen Status des Embryos hängt also davon ab, ob und in welcher Weise der Embryo diese zentralen, moralische Rechte legitimierenden Eigenschaften hat. In den Debatten um die Stammzellforschung haben sich in Bezug auf diese Frage im Wesentlichen zwei Positionen formiert.



  • Position A ist der Ansicht, dass der Embryo von Beginn an, d.h. ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, im Besitz dieser Eigenschaften ist oder es zumindest nicht ausgeschlossen werden kann, dass er im Besitz dieser Eigenschaften ist, und ihm daher auch (aus Vorsicht) der volle moralische Status zugesprochen werden muss.

  • Position B hingegen ist der Ansicht, dass der Embryo zumindest bis zum Moment der Einnistung (ca. 14 Tage nach der Befruchtung) noch nicht im Besitz dieser Eigenschaften ist und ihm daher auch noch nicht der volle moralische Status, d.h. vor allem kein Lebensrecht, wohl aber andere Schutzansprüche, zugesprochen werden kann.

Die Argumente


Um den moralischen Status des Embryos zu klären, sind eine Reihe von Argumenten entwickelt worden, deren wichtigste die vier sogenannten SKIP-Argumente sind: das Speziesargument, das Kontinuitätsargument, das Identitätsargument und das Potentialitätsargument. Wie sich zeigen wird, sind alle diese Argumente strittig. Sie werden im Folgenden am moralischen Recht auf Leben, um das es in dieser Diskussion vorrangig geht, diskutiert.

Das Speziesargument



  1. Jedem Mitglied der Spezies Mensch kommt das Lebensrecht zu.

  2. Jeder menschliche Embryo ist Mitglied der Spezies Mensch.

  3. Also kommt jedem menschlichen Embryo das Lebensrecht zu.

Das Problem an dieser Schlussfolgerung ist, dass die Spezieszugehörigkeit für sich allein das Lebensrecht nicht legitimieren kann. Das Lebensrecht kommt dem Menschen ja nicht deswegen zu, weil er ein Mensch ist, sondern weil er als Mensch im Besitz der sein Lebensrecht legitimierenden Eigenschaften ist. Das Argument muss also folgendermaßen umformuliert werden:



  1. Jedem Mitglied der Spezies Mensch kommt das Lebensrecht zu, weil es die sein Lebensrecht legitimierenden Eigenschaften hat.

  2. Jeder menschliche Embryo ist Mitglied der Spezies Mensch (und hat deswegen die sein Lebensrecht legitimierenden Eigenschaften).

  3. Also kommt jedem menschlichen Embryo das Lebensrecht zu.

Das Problem an dieser Schlussfolgerung wiederum ist, dass Satz 2 ein weiteres Argument benötigt, um richtig zu sein. Denn ob der Embryo die sein Lebensrecht legitimierenden Eigenschaften hat, steht ja gerade zur Debatte. Das Speziesargument ist daher entweder falsch oder aber überflüssig, weil es eines weiteren Arguments benötigt, das die eigentliche Last der Argumentation zu tragen hat.

Das Kontinuitätsargument



  1. Jedem Menschen mit dem das Lebensrecht legitimierenden Eigenschaften kommt das Lebensrecht zu.

  2. Der Embryo entwickelt sich ab der Befruchtung in einem kontinuierlichen Prozess zum voll ausgebildeten Menschen mit den das Lebensrecht legitimierenden Eigenschaften.

  3. In diesem kontinuierlichen Prozess gibt es keine moralrelevanten Einschnitte, d.h. jede Grenzziehung ist letztlich willkürlich.

  4. Also kommt dem Embryo das Lebensrecht zu.

Das Problem an diesem Argument ist, dass es bei Embryonen, die aus einer künstlichen Befruchtung stammen, nicht greift. Denn diese Embryonen müssen ja von einem Arzt erst einer Gebärmutter eingepflanzt werden, um sich weiter entwickeln zu können. Darüber hinaus ist nicht klar, warum die trotz aller Kontinuität erkennbaren Einschnitte (z.B. Einnistung, Ausbildung des Primitivstreifens, Abschluss der Organogenese, Ausbildung von Schmerzempfindlichkeit usw.) nicht moralrelevant sein sollen.

Das Identitätsargument



  1. Jedem Menschen mit den das Lebensrecht legitimierenden Eigenschaften kommt das Lebensrecht zu.

  2. Jeder Embryo ist in moralrelevanter Hinsicht identisch mit einem Menschen mit den das Lebensrecht legitimierenden Eigenschaften.

  3. Also kommt jedem Embryo das Lebensrecht zu.

Das Problem bei diesem Argument ist, dass nicht klar ist, durch was die moralrelevante Identität des frühen Embryos mit dem Menschen, der aus ihm werden kann, gewährleistet ist. Um die genetische Identität kann es sich dabei nicht handeln, da dies auch für all jene Zellen gilt, die wir ohne moralische Bedenken tagtäglich zu tausenden verlieren. Moralrelevante Identität könnte aber durch die Individualität und Einzigartigkeit des Embryos gewährleistet sein. Aber gerade diese kann bei frühen Embryonen aufgrund der Möglichkeit der Mehrlingsbildung noch bestritten werden.

Das Potentialitätsargument



  1. Jedem Menschen, der die R-Eigenschaften hat, kommt das Lebensrecht zu.

  2. Wenn jedem Menschen, der die R-Eigenschaften hat, das Lebensrecht zukommt, dann kommt es auch jedem Lebewesen zu, das potentiell die R-Eigenschaften hat.

  3. Jeder menschliche Embryo ist ein Lebewesen, das diese Eigenschaften potentiell hat.

  4. Also kommt jedem menschlichen Embryo das Lebensrecht zu.

Die Probleme des Potentialitätsarguments liegen darin, dass es



  • voraussetzungsreich ist, da man zugestehen muss, dass es Dinge gibt, die, obgleich sie noch nicht da sind, in irgendeiner Form – nämlich als Möglichkeit, als Anlage – doch schon da sind;

  • strittig ist, ab wann diese Potentialität gegeben ist: bereits ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, oder erst ab der Einnistung, ohne die es keine Weiterentwicklung des Embryos gibt, oder erst ab einem noch späteren Zeitpunkt, oder vielleicht doch ab einem wesentlich früheren Zeitpunkt, etwa dann, wenn Ei- und Samenzelle noch aufeinander zustreben (was Verhütungsmittel illegitim erscheinen lassen würde)?

  • unklar ist, ob potentielles Menschsein tatsächlich dieselben Rechte wie aktuales, verwirklichtes Menschsein begründen kann.

Weitere Argumente
Dafür, dass dem frühen Embryo noch kein Lebensrecht zugesprochen werden kann, werden noch einige andere Argumente ins Spiel gebracht, die alle darauf hindeuten, dass – zumindest in unserer Gesellschaft – dem frühen Embryo intuitiv kein Lebensrecht zugesprochen wird:



  • Etablierte Verhütungspraktiken wie die Spirale und die „Pille danach“ können zur Folge haben, dass sich befruchtete Eizellen nicht einnisten. Die breite Akzeptanz dieser Praktiken deutet – ebenso wie die Abtreibungsregelung – darauf hin, dass dem frühen Embryo intuitiv kein Lebensrecht zugesprochen wird.

  • Etablierte Verfahren der künstlichen Befruchtung bringen ein erhöhtes Risiko für die künstlich erzeugten Embryonen mit sich bzw. nehmen zum Teil (allerdings nicht in Deutschland) in Kauf, dass „überzählige“ Embryonen produziert und letztlich zerstört werden. Zur Etablierung der Verfahren zur künstlichen Befruchtung musste außerdem Forschung mit menschlichen Embryonen betrieben werden. Dass diese Verfahren erlaubt und genutzt werden, deutet darauf hin, dass dem frühen Embryo kein voller moralischer Status zugesprochen wird.

  • Die Tatsache, dass zur Vermeidung von spontanen Aborten (keine Einnistung) keine großen medizinischen Anstrengungen vorgenommen werden, deutet ebenfalls darauf hin, dass dem frühen Embryo intuitiv kein Lebensrecht zugesprochen wird.

  • Gedankenexperiment 1: Einem ungeschickten Laboranten in einer Klinik für künstliche Befruchtungen fallen mehrere Reagenzgläser mit befruchteten Eizellen zu Boden. Macht sich dieser Laborant tatsächlich der mehrfachen fahrlässigen Tötung schuldig?

  • Gedankenexperiment 2: In einem Labor befinden sich sowohl menschliche befruchtete Eizellen in Reagenzgläsern als auch Hasen in Käfigen. Wenn das Labor brennt, wer sollte zuerst gerettet werden?

Gegen all diese Argumente kann allerdings eingewandt werden, dass Intuitionen irren können und dass die Tatsache, dass Praktiken gesellschaftlich etabliert und akzeptiert sind, kein Argument für ihre moralische Richtigkeit ist.


Der Status des Embryos – vorläufiges Fazit


Die Frage nach dem moralischen Status des Embryos ist eine sehr alte Frage. Trotz vieler Jahrhunderte gelehrter Diskussionen ist sie, wie auch die obige Diskussion einiger zentraler Argumente gezeigt hat, nach wie vor nicht geklärt und wird sich möglicherweise rational auch niemals klären lassen. Dieser Umstand öffnet den Raum einerseits für weltanschauliche Überzeugungen, mit denen jeder für sich diese Frage beantworten kann, andererseits aber auch für die Notwendigkeit von Kompromissen, so wie sie etwa im Deutschen Stammzellgesetz gefunden worden sind.

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Therapeutisches Klonen


Menschliche Embryonen, die in der Forschung verwendet werden, können nicht nur durch künstliche Befruchtung einer Ei- mit einer Samenzelle, sondern auch durch die Technik des Klonens, d.h. der Fusion einer entkernten Eizelle mit einem somatischen Zellkern, erzeugt werden.
In Bezug auf dieses Verfahren stellen sich folgende – mit der Frage nach dem moralischen Status des Embryos verbundene -  ethisch strittige Fragen:



  • Ist es moralisch zulässig, über das Klonverfahren einen Embryo zu erzeugen?

  • Handelt es sich bei dem klonierten Embryo tatsächlich um einen menschlichen Embryo (dieser entsteht ja aus der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle)?

  • Ist es moralisch zulässig, einen Embryo zu therapeutischen Zwecken oder auch Forschungszwecken zu erzeugen und anschließend seine Vernichtung in Kauf zu nehmen?

  • Kann mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden, dass das Klonverfahren nicht für das reproduktive Klonen, d.h. die Erzeugung von geborenen Menschen, dessen Genom mit dem Genom eines anderen Menschen übereinstimmt, verwendet wird?

Jenseits dieser Fragen spricht gegen das therapeutische Klonen allerdings, dass mit den induzierten pluripotenten bzw. reprogrammierten Stammzellen eine therapeutisch gleichwertige Alternative gegeben sein könnte, die ohne die Erzeugung und den Verbrauch von geklonten Embryonen auskommt.
Darüber hinaus kann gegen das therapeutische Klonen auch eingewendet werden, dass für jeden Patienten ein neuer Klon erzeugt werden müsste, um patientenspezifische embryonale Stammzellen zu gewinnen. Dies würde einen sehr hohen Eizellen- und Embryonenbedarf bedeuten.

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Eizellspende


Für die Erzeugung von Embryonen für die Forschung oder die Therapie mittels künstlicher Befruchtung oder Klonen bedarf es menschlicher Eizellen, die der Forschung oder der Medizin von Frauen zur Verfügung gestellt werden. Um eine Eizellspende durchzuführen, müssen sich Frauen – wie bei Unfruchtbarkeitsbehandlungen – einer Hormonbehandlung unterziehen, mit der eine gleichzeitige Reifung mehrerer Eizellen ausgelöst wird, die der Frau dann entnommen werden. Es handelt sich dabei um einen schmerzhaften und durchaus risikobehafteten Eingriff, dem kein Nutzen bei der Frau selbst gegenübersteht. Gegen die Eizellspende spricht darüber hinaus die Gefahr, dass ihre rechtliche Zulässigkeit bestimmte Formen der Ausbeutung von Frauen nach sich ziehen bzw. begünstigen könnte. Gleichwohl könnte, wie auch die Zentrale Ethikkommission der Bundesärztekammer in Deutschland festhält, eine freiwillige Entscheidung zur Eizellspende für die Forschung im Ermessen der selbstbewussten Entscheidung einer Frau liegen. Fraglich ist daran allerdings, ob sich dadurch der wahrscheinlich hohe Bedarf an Eizellen decken ließe. In Deutschland ist derzeit eine freiwillige Eizellspende zur Herstellung von Embryonen für wissenschaftliche Zwecke verboten.


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Cybride bzw. Mensch-Tier-Embryonen


Die Knappheit menschlicher Eizellen hat dazu geführt, die Verwendung tierischer Eizellen (beispielsweise von der Kuh), die in großen Mengen zur Verfügung stehen, für die Produktion von Mensch-Tier-Embryonen für die Forschung attraktiv erscheinen zu lassen. Um Cybride zu erzeugen, werden tierische Eizellen entkernt und mit einem menschlichen Zellkern ausgestattet. Da ein solcher Embryo zu über 99% menschliche DNA enthält, könnten sich von ihm, so die Überlegung, zu Forschungszwecken fast-menschliche Stammzellen ableiten lassen.
Folgende kontrovers diskutierte ethische Fragen tauchen in diesem Zusammenhang unter anderen auf:



  • Ist die Erzeugung von Cybriden moralisch zulässig?

  • Welcher moralischer Status kommt Cybriden zu?

Vor dem Hintergrund der Möglichkeit, induzierte pluripotente Stammzellen zu erzeugen, spricht allerdings wenig für den Einsatz von Cybriden in der Stammzellforschung.


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