Gesamtgenomanalyse und das Entscheidungsrecht des Patienten

Die Heidelberger EURAT-Projektgruppe „Ethische und rechtliche Aspekte der Totalsequenzierung des menschlichen Genoms“ hat zwei Jahre lang in einem vom Marsilius Kolleg der Universität Heidelberg finanzierten Projekt (EURAT) an der Aufarbeitung der Lage der Genomsequenzierung gearbeitet, Probleme identifiziert und Lösungen für den Umgang mit genetischen Daten entworfen. Ergebis dieser Forschung sind gemeinsam erarbeitete Dokumente: ein Kodex für nichtärztliche Wissenschaftler und seine Erläuterungen sowie zwei Mustertexte für Patienteninformationen und Einwilligungserklärungen.

Im Kommentarteil der Stellungnahme der interdisziplinären Arbeitsgruppe wird sowohl die Notwendigkeit zur Forschung auf dem Gebiet der Genomforschung hervorgehoben als auch ethische und rechtliche Fragen des informed consent, des Umgangs mit so genannten "Zusatzbefunden" und Fragen der Forschung an Nicht-Einwilligungsfähigen erörtert. Dabei macht die Stellungnahme deutlich, dass die Anforderungen des klassischen Modell des "informed consent" im Fall der Totalsequentierung nicht mehr erfüllt werden können: "Die Genomsequenzierung ändert die Rahmenbedingungen für die informierte Zustimmung. Weil zu dieser Forschungsmethode die Veränderung der durch sie erfolgenden Zuschreibung von Relationen zwischen genotypischen und phänotypischen Veränderungen gehört, ist es sinnvoll, den Informed Consent nicht mehr als ein Geschehen zu verstehen, das in einem einmaligen Akt abgeschlossen ist. Der Schwerpunkt rückt dann auf die Gestaltung von Kommunikationsprozessen und gestufte Verfahren der Einwilligung (tiered consent) (Forgó et al. 2010, 17ff.), in dem Patienten mehr Möglichkeiten bekommen sich zu informieren als in einem einmaligen Aufklärungsgespräch und der Lektüre einer Patienteninformation. Dies kann jedoch nur gewährleistet werden, wenn die humangenetische Beratung ausgebaut wird. Die mündliche und schriftliche Aufklärung kann durch grafisch und textlich ansprechende Broschüren oder sog. „FAQs“ (Frequently Asked Questions) sowie Internet-Informationen und Video-Dokumentationen unterstützt werden. Die Reichweite der Schutzfunktion des „Informed Consent“ bleibt jedoch begrenzt." (67)

Die Analysen und Kommunikationsprozesse im Rahmen des Heidelberger EURAT-Projekts sind an der Leitidee ausgerichtet, „verantwortliches Handeln zu veranlassen“ und „treuhänderisches Handeln“ (Kirchhof 2002, 29) bei den Akteuren vor Ort zu stärken, die die Genomsequenzierung an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und Einsatz in der Patientenversorgung vorantreiben. Wie der Projektsprecher Professor Klaus Tanner, Ordinarius für Systematische Theologie der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg, betont, "rückt damit die Fähigkeit zur Selbstregulierung von Medizinern und Forschern ins Zentrum und nicht die Regulierung durch weitere staatliche Vorgaben.(6)


 

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