Tagungsbericht: Technik im Zeichen der Katastrophe - Zur Kultur der Kommunikation über Risiken

Einst stützten sich Voraussagen von Katastrophen auf die Interpretation von Vorboten, Zeichen und Weissagungen. Heute vertrauen wir lieber wissenschaftlichen Prognosen. Nicht mehr die Prophezeiung, sondern die Abschätzung von Risiken bestimmt unsere Wahrnehmung. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei im Besonderen die Technik: Für die einen reimt sich Technik auf Fortschritt, andere sehen sie als Katalysator von Krisen. Furcht vor der Katastrophe schafft eine eigene Wirklichkeit.

Lässt sich in einem solchen Klima rational planen und vernünftig vorsorgen? Die Technikfolgenabschätzung alleine wird uns aus diesem Dilemma nicht befreien. Thema der Tagung war die Frage nach der allem Konstruieren, Planen und Handeln eigenen „Zukunftsvoraussicht“, die bei der Verbindung von Vorsicht und Fortschritt immer schon vorausgesetzt wird.

Vom 25. bis 27. Januar 2013 fand in der Evangelischen Akademie Tutzing die Tagung "Technik im Zeichen der Katastrophe. Zur Kultur der Kommunikation über Risiken" statt.

Stephan Schleissing über den Begriff "Katastrophe"

Der Theologe und Geschäftsführer des Instituts Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) Dr. Stephan Schleissing stellte in seiner Einführung zu diesem Thema die These zur Diskussion, dass die vor allem in jüngster Zeit um sich greifende Rede von der „Katastrophe“ als ein Hinweis auf Folgeprobleme im Umgang mit kognitiven Ansprüchen der Risikoforschung interpretiert werden kann.

Der Begriff „Katastrophe“, der ursprünglich aus der Theatersprache stammt, fungiert hier als ein Deutungsbegriff, mit dem in einer moderne Zivilisation die Grenzen des wissenschaftlichen Risikokalküls im Hinblick auf ihre möglichen Folgen in dramatischer Weise zum Thema gemacht werden. Das Anliegen der Tagung, sich mit diesem Prozess auf wissenschaftliche Weise auseinanderzusetzen, dokumentiere den Versuch der Veranstalter, am Vernunftbegriff der Aufklärung festzuhalten und zugleich nach Interpretationen zu fragen, warum das von ihr eingeforderte Verständnis von Geschichte als radikaler „offener Zukunft“ dahin tendiert, die Problemlösungsfähigkeit von Wissenschaft immer wieder fundamental in Frage zu stellen.

Christian Schwägerl: Krieg und Technik? Szenarien als Hilfsmittel der Risikoanalyse

Der Journalist und Buchautor Christian Schwägerl fasste die wichtigsten Darstellungen seines gemeinsam mit Andreas Rinke veröffentlichten Buches „11 drohende Kriege: Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung“ zusammen. Ausgehend vom heutigen Wissensstand entwickeln die Autoren in ihrem Buch Szenarien für künftige Bedrohungen, deren Funktion allerdings genau darin besteht, das Eintreten dieser gefährlichen Entwicklungen aufhalten zu können. Christian Schwägerl erkennt sechs Stressfaktoren, denen sich die Menschheit in der Zukunft stellen muss: eine wachsende Weltbevölkerung, der technologische Wandel, die ökologische Verwundbarkeit der Erde, der geopolitische Wandel, eine zunehmende Privatisierung sowie die Kontrolle über Gemeingüter. Als Lösungsansätze zur Begegnung dieser Stressfaktoren werden unter anderem die „Kraft der Kooperation“, die „Kraft der Erneuerung“ sowie die „Kraft der Langfristigkeit“ vorgeschlagen.

Künftige sozioökonomische und politische Herausforderungen

In der wachsenden Weltbevölkerung, insbesondere in der Zunahme der wohlhabenden Bevölkerung, sieht Christian Schwägerl eine besondere Herausforderung für die Zukunft: Mit dem Anwachsen nicht nur der Weltbevölkerung, sondern – zumindest teilweise – auch Ihres Wohlstandsniveaus wird nicht nur die Rohstoffnachfrage steigen. In ihrer Folge wird es auch zu großen Migrationsströmen kommen, die zu riesigen urbanen Agglomerationsräumen führen, die sich z.B. in Asien auf eine Größe bis zu 600 km erstrecken können. Als weitere wichtige Herausforderung betont Schwägerl eine zunehmende Privatisierung, die sich darin äußere, dass der Wohlstand künftig immer mehr konzentriert sein würde und einzelne Konzerne wie auch einzelne Personen an Macht gewinnen würden. In diesem Zusammenhang stellt sich als zentrale Frage die  Definition und Kontrolle von Gemeingütern wie z.B. der Ressourcen, die sehr unterschiedlich auf der Welt verteilt sind.

Norbert Reez: Krisen vorbereiten. Erfahrungen mit strategischen Übungen am Beispiel „LÜKEX 11“

Norbert Reez, Leiter der Projektgruppe LÜKEX im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, stellte am Beispiel des Projekts LÜKEX 11 zum Cyber-Terrorismus (2011) die Vorteile von Übungsszenarien für das strategische Krisenmanagement vor. In LÜKEX-Übungen geht es vorrangig um die Organisation bei Krisen und Katastrophen auf Regierungsebene und die Zusammenarbeit verschiedener Bundesländer und Bundesbehörden mit den Bundesministerien.

Bei den mehrtägigen Übungen geht es um das Einüben der gezielten Bewältigung von Schadenslagen, so dass die übenden Führungsstäbe auch in realen Situationen mit einer konkreten Krisensituation umgehen können. Bei der Übung LÜKEX 11 ging es im Speziellen um die Infizierung wichtiger öffentlicher und privater IT-Systeme bei einem Befall durch PC-Viren. In den Jahren zuvor gab es Übungen zum Stromausfall und einer Flutkatastrophe (2004), zu Gefahrenquellen durch Großveranstaltungen (2005), zu einer weltweiten Pandemie (2007) sowie zu einer terroristischen Bedrohung durch eine „Schmutzige Bombe“.

Notwendigkeit der Vorbereitung auf Krisensituationen

Norbert Reez betonte die Notwendigkeit, auf krisenhafte Situationen in einer Gesellschaft (wie z.B. nach einem Terroranschlag) gut vorbereitet zu sein. Daher sei das Einüben solcher krisenhaften Situationen notwendig, um Schwachstellen in der politischen und gesellschaftlichen Bewältigung von Krisen auffinden zu können, so dass man hierauf entsprechend vorbereitet ist. Diese Notwendigkeit sei vor allem nach der Katastrophe in Fukushima infolge des Atomunfalls nach einem Erdbeben deutlich geworden. Seit 2004 werden unter Federführung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zweijährige Übungszyklus zu bestimmten krisenhaften Situationen durchgeführt, die immer aus bestimmten Phasen bestehen, nämlich der Übungsplanung, der Übungsvorbereitung (über Szenario-Workshops), der Übungsdurchführung und der Übungsauswertung. Während der Übungen gibt es enge Kooperationen zwischen Behörden auf verschiedenen Ebenen aber auch relevanten Unternehmen aus der Wirtschaft.

Dirk Helbing: Katastrophen antizipieren durch Computersimulation

Der auf dem Lehrstuhl für Soziologie der ETH Zürich arbeitende Physiker Prof. Dr. Dirk Helbing erläuterte anhand verschiedener Beispiele, wie sich anhand von Computersimulationen Katastrophenszenarien antizipieren lassen, um im Vorfeld geeignete Maßnahmen der Prävention oder eine adäquate Antwort zur Eindämmung einer Katastrophe zu ermitteln. Mit Hilfe von Computersimulationen lasse sich beispielsweise ermitteln, wie aus kleinen Ursachen große Wirkungen hervorgehen, etwa ein Verkehrsstau allein durch die unangepasste Fahrweise Einzelner. Ein möglicher Lösungsansatz zur Prävention von Katastrophen in komplexen Systemen ist die Förderung von Selbstorganisation. Dezentrale Organisationssysteme sollten gestärkt werden, da zentrale Systeme ineffizienter und anfälliger sind, weil sie einer straffen Regelung bedürfen, die auf Störungen langsamer reagieren kann. Wichtig sei auch die Stärkung der Partizipation der Öffentlichkeit, um die Intelligenzleistung der Einzelnen durch Verschaltungen zu vergrößern.

Der Umgang der Bevölkerung mit Krisen und Katastrophen

Über Computersimulationen können krisenhafte Situationen näher untersucht werden, etwa das Verhalten von Menschen bei einer Großveranstaltung. Die Untersuchung des Verhaltens von Menschen innerhalb von komplexen Systemen ist wichtig, um zu verstehen, wie zuvor funktionierende Systeme plötzlich „kippen“, betont Dirk Helbing. So sei der Grund für die Finanzkrise u. a. im Kippen eines durch Vernetzung kooperativen Systems zu sehen, in dem plötzlich keine Kooperation mehr möglich ist. Vertrauen in solchen Systemen wird erschüttert, wie etwa im Fall der Finanzkrise, wo sich Banken untereinander oder gegenüber Unternehmen kein Geld verleihen wollen, was die Krise verschärft. Die Schaffung von Vertrauen, so Dirk Helbing weiter, sei daher „milliardenwert.“

Wolfgang Gaissmaier: „Menschen sind Mustererkennungsmaschinen“

Dr. Wolfgang Gaissmaier vom „Harding Center for Risk Literacy“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin sprach über die Bedeutung eines informierten Umgangs mit Risiken im 21. Jahrhundert. Gaissmaier ist Psychologe und versteht sich als „Entscheidungsforscher“. Am „Harding Center for Risk Literacy“ untersucht er, wie Menschen Entscheidungen unter Risiko und Unsicherheit treffen. Gaissmaier erläuterte in seinem Vortrag, dass Risikowahrnehmung nicht immer rational verläuft: obwohl etwa Autofahren riskanter sei, als die Reise im Flugzeug, hätten dennoch mehr Menschen Angst vor Flugzeugunglücken.

Auch die Reaktionen auf Terroranschläge seien als Zusammenspiel von „Geist und Umwelt“ zu verstehen, denn Risiken würden stets individuell unterschiedlich interpretiert. Deshalb, so Gaissmaier, sei auch eine reflektierte  Risikokommunikation von großer Bedeutung, denn die Risikokommunikation bestimme nachhaltig die  Risikowahrnehmung. So würden bestimmte „Risiken“ medial konstruiert und seien dann auch bestimmend für die  öffentliche Perzeption von Gefahren. Hingegen würden tatsächliche (d.h. statistisch wahrscheinliche) Gefahren häufig ignoriert werden.

Subjektive Wahrnehmung vs. Evidenz

Eine mangelhafte Kommunikation, so stellt Gaissmaier fest, liege oft in der Art und Weise wie Statistiken dargestellt und interpretiert werden, was zu gravierenden Fehlschlüssen führen könne. Darüber hinaus sei auch die ideologische Prädisposition ein wichtiger Faktor in der Wahrnehmung und Beurteilung von potentiellen Risiken. Gaissmaier erläutert, dass viele Menschen an alternativmedizinische Verfahren wie die Homöopathie glauben, obwohl zahlreiche Metastudien zeigen können, dass diese keine messbare Wirksamkeit aufweisen, die über einen Placebo-Effekt hinaus gehe. Warum eigentlich, so die offene Frage, ist die individuelle Wahrnehmung häufig konträr zur wissenschaftlichen Evidenz? Gaissmaier erklärt: „Menschen sind Mustererkennungsmaschinen“ und deshalb würden Einzelereignisse oft überinterpretiert und in einen falschen Kausalzusammenhang gestellt.

Dirk van Laak: Technische Hybris in der Moderne?

Prof. Dr. Dirk van Laak, von der Justus-Liebig Universität in Gießen, referierte über historische Versuche, die Zukunft technisch planbar zu machen. Diese Versuche bilden sich in gesellschaftlichen Routinen und sozialen Infrastrukturen ab, die den Menschen meist als selbstverständlich erscheinen. Ihre Funktionstüchtigkeit würde im Alltag selten hinterfragt. Durch die (technischen) Infrastrukturen aber würden System-entscheidungen erst auf Dauer gestellt.

Dadurch können Infrastrukturen Sicherheiten bieten. Van Laak weist darauf hin, dass der Begriff der Infrastruktur selbst, eine Neuschöpfung der prosperierenden 1950er und 1960er Jahre ist, in denen erstmals eine sicherheits- und nachhaltigkeitsorientierte Technisierung vorgenommen wurde. Die Nutzung von Infrastrukturen setzte, so van Laak, ein gewisses Maß an Urvertrauen voraus. Heute hingegen werden Infrastrukturen durchaus, etwa in Bezug auf ihre Nachhaltigkeit, ihre Stabilität, oder in Bezug auf ihre inhärenten Risiken problematisiert.

Der technische angeleitete Griff nach den Sternen

Van Laak führt aus, dass es in der Epoche der „Hochmoderne“ stets eine ausprägte Neigung zu repräsentativen technischen Großprojekten gegeben hat. Diese signalisierten eine starke Zukunftsorientierung und in gewissem Sinne auch „eine technische Hybris“. Die Erwartungen an die technischen Entwicklungen waren vor allem im Übergang zum 20.Jahrhundert sehr stark ausgeprägt, obwohl sich durchaus zahlreiche historische Beispiele für einen Widerspruch gegen die Technisierung und Verhinderung bestimmter technischer Großprojekte finden ließen. Ein solches technisches Großprojekt, das nicht realisiert werden konnte, war die Planung der Bewässerung der Sahara und daran geknüpfte Hoffnung die Wüste als Lebensraum für Europäer nutzbar zu machen. Van Laak argumentiert, dass derartige Vorhaben, die heute befremdlich erscheinen, zu ihrer Zeit durchaus als rational aufgefasst wurden.

Schließlich würden auch heute immer wieder technische „Makro-Projekte“ geplant, die „symbolisch nach den Sternen greifen“ würden. Auch der Weg zur Nutzung von Atomenergie könne historisch als ein solches Projekt verstanden werden, das durch die Utopie einer unerschöpflichen Energiequelle vorangetrieben wurde. Heutzutage allerdings, so meint van Laak, seien die utopischen Potentiale zumeist nicht mehr im Großen, sondern im Kleinen zu finden: sie würden vor allem in Bereichen wie der Biomedizin zur Realisierung kommen. Als gemeinsames Merkmal der unterschiedlichen Projekte und Szenarien identifiziert van Laak, dass diese nicht immer funktionsgebunden seien, sondern vor allem als soziopolitische Projektionsflächen zu verstehen sind.

Christian Schwarke: Katastrophendiskurse als Schulddiskurse

Prof. Christian Schwarke, evangelischer Theologe und Professor für Systematische Theologie in Dresden, sprach zum Thema „Technik und Transzendenz“. Der Schöpfungsbericht der jüdisch-christlichen Tradition, so hielt Schwarke zu Beginn fest, ist wesentlich der Verarbeitungsversuch einer Katastrophenerfahrung, namentlich: Warum ist die Welt nicht so gut, wie sie eigentlich sein könnte? Wieso plagen den Menschen Sterblichkeit, Fehlbarkeit und Mühsal? Der jüdisch-christliche Antwortversuch erklärt die Defizite der Schöpfung dabei als menschengemacht: Der vom Mensch begangene Sündenfall führt zur bzw. ist die Katastrophe. Katastrophendiskurse, so Schwarke, können denn gemeinhin wesentlich als Schulddiskurse gelesen werden; sie stellen die Frage nach der Verantwortung des Menschen an einem Unheil.

Wenn nun aber der Mensch für die Unzulänglichkeiten der Welt verantwortlich ist, so kann er auch einen Beitrag zu ihrer „Reparatur“ leisten. In dieser Narration wird Technik zu einem Heilsversprechen, das als Gegensatz zu Transzendenz begriffen wird. Mit „Transzendenz“, so Schwarke, seien in diesem Zusammenhang nicht nur religiöse Phänomene gemeint, sondern grob skizziert alles, was sich der menschlichen Verfügungsmacht entzieht.

Technik als Transzendenz

Der Gegensatz von Technik und Transzendenz, so versuchte Schwarke nicht zuletzt mit Verweisen auf die jüngere Kunstgeschichte zu zeigen, ist jedoch kein notwendiger. So wird in den Arbeiten des amerikanischen Malers Charles Sheeler (1883-1965) der Industrie und der kulturell überformten Umwelt durchaus transzendente Qualität verliehen. In seinem berühmten Gemälde „American Landscape“  (1930) zeigt etwa Sheeler eine Industrielandschaft im Gewand der klassischen Landschaftsmalerei: Statt eines Flusses sieht der Betrachter einen Kanal, statt einer Hügellandschaft eine Fabrik, statt eines Kirchturms einen Schornstein. Die Industrie, so eine Lesart des Gemäldes, ist wesentlich zur Landschaft geworden.

Worin besteht nun aber das Transzendente in der Technik? Anthropologische Ansätze betonen vielfach, dass Transzendenz der Technik inhärent ist. Technik als Grundbestimmung des Menschen „heilt“ seine biologische Unterbestimmtheit. Kulturwissenschaftliche Interpretationen verstehen Transzendenz dagegen eher als etwas, das der Technik äußerlich zukommt. Demnach zeigt sich die Transzendenz der Technik vor allem in Werbung und Propaganda.

Technik als Motor für neue Unverfügbarkeiten

Schwarke hält beide Antworten für unzulänglich. Seine These: Die Transzendenz in diesem Kontext ist Resultat der Notwendigkeit von Zuschreibungen an die Technik. Technik wird mit Transzendenzmotiven gedeutet. Transzendenz ist dabei wesentlich ein Modus, mit dem Technik in eine Ordnung integriert wird – oder eben nicht. Der Zusammenhang zwischen Transzendenz und Technik ist damit ein engerer als auf den ersten Blick ersichtlich: Zum Einen gründet Technik in Transzendenz insofern sie von Zielvorstellungen und Hoffnungen der Menschen berichtet. Zum Anderen schafft Technik Transzendenz, da mit dem Überschreiten einer Grenze stets neue Möglichkeiten des Transzendenten hergestellt werden. Technik rückt dabei bislang Unverfügbares in den Bereich des Machbaren und erzeugt damit neuen Raum für Unverfügbarkeiten.

Thomas Kaufmann: „Das Ende der Welt ist gewiss“: Zur Funktion apokalyptischer Krisenkommunikation in der frühen Neuzeit

Der Göttinger Kirchenhistoriker Prof. Dr. Thomas Kaufmann ging in seinem Vortrag auf apokalyptische Vorstellungen im frühen Luthertum vor dem geschichtlichen Hintergrund von Reformation, Täuferbewegung und Bauernkrieg ein. Er erinnerte daran, dass mit dem biblischen Topos eines „neuen Himmels“ und einer „neuen Erde“ in jüdisch-christlicher Perspektive vor allem die Endlichkeit der ersten Schöpfung herausgestellt worden ist. Diese wurde in Altertum und Mittelalter im Rückgriff auf den Propheten Daniel im geschichtstheologischen Vorstellungskomplex einer Abfolge von vier Reichen jeweils im Hinblick auf die politischen Realitäten konkret ausgelegt.

In dieser Tradition stehend dienten dann auch die apokalyptischen Denkfiguren im frühneuzeitlichen Luthertum zur Identifikation illegitimer Herrschaften wie die des Papsttums sowie solcher weltlicher Herrschaften, die die (geistliche) Freiheit des Einzelnen einschränkte. Im Unterschied zu revolutionären geschichtstheologischen Endzeitkonzepten wie z.B. die des Joachim von Fiore war für die Lutheraner völlig klar, dass der biblische bezeugte Geschichtsverlauf mit der Gegenwart des vierten – römischen – Reiches beschlossen war, dessen krisenhafte Verfassung durch den Antichristen (Papst und/oder die Türken) nur noch diagnostiziert werden musste. Die gerade für Luther bezeichnende Rede vom „lieben, jüngsten Tag“ fungiert demgegenüber als Trost und Gewissheit, dass nach dem Ende der endlichen Schöpfung eine Heilszeit allererst beginnt.

Vorstellungen der Endzeit als Hoffnung und Sinnstiftung

In heutiger Zeit werden apokalyptische Motive eher in einem bedrohlichen Sinne verwendet, während die Apokalypse bei Martin Luther eher als Ausdruck einer frohen Hoffnung fungierte. Der fromme Lutheraner sollte keine Angst vor der Apokalypse haben. Vielmehr dienten krisenhafte „Geschichtszeichen“ ihm wie ein „Radarschirm“ beim Aufspüren von Hoffnungszeichen. Martin Luther ging es um die Identifikation von Krisen im Hier und Jetzt, die er als Zeit der Bewährung deutete. Gesellschaftspolitische Umwälzung jenseits des heilsgeschichtlich bereits beschlossenen Geschichtsverlaufs sollten im frühen Luthertum möglichst abgewehrt werden, weil diese nach Ansicht von Martin Luther nur zu Zwietracht führten.

Das frühe Luthertum war insofern auf Erhaltung der bestehenden Ordnung angelegt und kann nach Auffassung von Thomas Kaufmann daher als konservativ betrachtet werden. Chiliastische Vorstellungen der Radikalreformatoren wie Thomas Münzer, also Vorstellungen eines weltlichen Reiches der Heiligen, wurden im frühen Luthertum nicht geteilt. Jenseits des vierten danielischen Reiches war der geschichtstheologische Erwartungshorizont ganz auf die Wiederherstellung der Schöpfung durch Christi Wiederkunft bestimmt.

Stefan May: Rationalisierung des Katastrophendiskurs

Dr. Stefan May, Jurist und Soziologe an der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, sprach über die Möglichkeiten der Rationalisierung von Katastrophendiskursen durch Politik und Recht. Zu Beginn legte er (im Anschluss an Luhmann) zentrale begriffliche Unterscheidungen vor: Risiko ist nicht gleichbedeutend mit Gefahr. Als Risiko werden vor allem die potentiellen Folgen von Entscheidungen verstanden, die wir selbst zu verantworten haben (Kalkül).

Mit einer Gefahr hingegen sind wir konfrontiert, wenn uns die Folgen von Entscheidungen Anderer bedrohen. Eine zweite Unterscheidung differenziert zwischen Risiko und Katastrophe: Risiko kann verstanden werden als Antizipation einer Katastrophe und ist daher stets zukunftsbezogen. Wird Risiko Realität, ist die Katastrophe eingetreten. Während eine Katastrophe räumlich und zeitlich bestimmt ist, fehlt dem Begriff des Risikos eine solche Konkretion demnach notwendigerweise.

Ad-hoc Regulierungen als Strategie?

Inwieweit kann das Recht nun „Katastrophendiskurse“ rationalisieren? Bei Luhmann ist die wesentliche Funktion des modernen Rechts die Herstellung von Erwartungssicherheit. In diesem Kontext hat das Recht durchaus äquivalente Funktionen zu Instanzen wie Tradition oder Geschichte in vormodernen Gesellschaften. In modernen, komplexen Gesellschaften, die nicht zuletzt durch die Öffnung der Zukunft durch Katastrophenantizipation geprägt sind, reicht diese Beschreibung nicht mehr aus.

Eine Strategie, mit den Schwierigkeiten von Risikoentscheidungen adäquat umzugehen, besteht darin, stärker auf Ad-hoc-Regeln zu setzen. Statt großer, allgemeiner rechtlicher Vorgaben rücken Maßnahmen in den Fokus, die in konkreten Prozessen schneller zu Entscheidungen führen sollen. Regeln sind damit auch schneller revidierbar. Das hierbei entstehende Problem ist ein demokratiepolitisches, denn: Damit liegen die Handlungsformen vor allem bei der Verwaltung, während der Gesetzgeber bei Risikoentscheidungen zurücktritt und darauf verweist, dass er diese Fragen nicht adäquat zu regulieren imstande ist.

Zukunftssicherung durch gesteigerte Kontingenz der Zukunft

Ein dominantes Modell der Gegenwart ist die so genannte Präventionsstaatlichkeit, die sich im Konzept des modernen Vorsorgestaats widerspiegelt. Diese Vorsorge hat sich in der Folge zur Globalverantwortung ausgeweitet, die auch die Interessen zukünftiger Generationen zu berücksichtigen hat. Für das Recht zeitigt diese Ausweitung auf die Folgeverantwortung enorme Komplexitätsanforderungen, da dieses nun zu entscheiden hat, welche der wissenschaftlich angezeigten potenziellen Folgen im Kontext der Risikovorsorge nun als wahrscheinlich anzunehmen sind. Diese „Entgrenzungslogik“ staatlicher und rechtlicher Prävention zahlt dabei nicht zuletzt den Preis, dass die Grenzen und die Wirksamkeit des Staates tendenziell in vorpolitische Lebensbereiche verlegt werden.

Gegenüber diesem Dilemma des Rechts verfolgen moderne Verfassungen zunehmend eine Logik der „Selbstbindung“ nicht zuletzt mit Blick auf Zukunftsfolgen: Die Unmittelbarkeit der gegenwärtigen Interessensbefriedigung wird in eine „Feedbackschleife“ gezwungen, in der über die Interessen zukünftiger Generationen zu reflektieren ist, so dass diese in unsere Entscheidungsfindungen mit einfließen können. Dies setzt allerdings voraus, dass sich anstelle einer forcierten Präventionsstaatlichkeit eine „Lernfähigkeit“ des Rechts etabliert, die mit Hilfe der Grundrechte Verbindlichkeit durch deren situationsgerechte Auslegung fortschreibt.

Die Rationalität des Rechts in modernen Gesellschaften und ihre Rationalisierungsleistungen besteht, so eine These Mays, wesentlich in der Erhöhung von Zukunftsoffenheit, also in einer Produktion von Optionen, was mit der paradoxen Situation der Kontingenzerhöhung einhergeht. Die Kontingenz der Zukunft wird demnach dabei nicht vernichtet, sondern gesteigert.

Ein Fazit

Die Diskussionen der Tagung machten dabei deutlich, dass diese Tendenz einer „Kontingenzsteigerung“ durch Wissenschaft und Recht zentrales Movens der Hinwendung zu Deutungsmotiven einer „Katastrophe“ sind. Freiheitsgewinnen durch Zukunftsoffenheit stehen dabei Gewissheitsverluste durch die Vielfalt von Handlungsoptionen gegenüber.

Wo der Geschichtsverlauf nicht mehr – wie im Luthertum – heilsgeschichtlich verbürgt und beschlossen ist, sondern durch menschliches Handeln in seiner Richtung als beeinflussbar und veränderbar vorgestellt wird, bleibt die Rationalität vorsorglichen Handelns auf eine Erwartungssicherheit angewiesen, die sich möglicherweise sehr viel stärker aus der „vergangenen Zukunft“ (Kosellek) als aus der reinen Prognose speist.

 

 

Tagungsbericht von Fabian Karsch, Daniel Gregorowius und Christian Dürnberger

 

 

 

 

 

 

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