20 Jahre Verein TTN – Rückblick auf die Podiumsdiskussion und den Vortrag des Landesbischofs

Am 16. Mai 2012 hatte der Vorstand des Vereins TTN zum Anlass "20 Jahre Vereinsgründung" zu einer Festveranstaltung in das Landeskirchenarmt eingeladen: Im Anschluss an die Mitgliederversammlung fand eine Podiumsdiskussion der Mitglieder des TTN-Gründungsvorstands sowie ein Vortrag des Landesbischof der Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern, Herr Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, statt.

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Zum Thema "20 Jahre Verein TTN – Rückblick und Perspektiven" diskutierten die Gründer des Vereins TTN: OKR i.R. Theodor Glaser, Martin Kölsch, KR i.R. Erhard Ratz, Prof. Dr. Dr. h.c mult. Prof. Dr. Trutz Rendtorff sowie Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Ernst-Ludwig Winnacker. Moderiert wurde der Abend von Prof. Dr. Christian Albrecht, dem Vorsitzenden des Vorstands TTN.

Über die Tage der Gründung

Das Podium widmete sich zunächst der Frage, wie der gesellschaftliche Kontext zu beschreiben ist, der zur Gründung eines interdisziplinären Ethikinstituts wie dem TTN führte. Prof. Dr. Trutz Rendtorff wies diesbezüglich auf das in 1990er Jahren aufkommende verstärkte Interesse an naturwissenschaftlichen und biomedizinischen Fragestellungen hin, die auch im Verein TTN diskutiert wurden. Zwei wichtige Themen, die um die Gründungszeit gesamtgesellschaftlich erörtert wurden, waren die Frage nach dem Hirntod und das Thema Tierversuche in der Forschung. Mit der Gründung des Vereins sollte der interdisziplinäre Dialog über diese Fragen dauerhaft institutionalisiert werden, nicht zuletzt um der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaft und der Medizin einen bleibenden Ort zu geben.

Geschwindigkeit der wissenschaftlichen Entwicklung als Anlass zur gesellschaftlichen Sorge

Prof. Winnacker erinnerte an die damalige Einrichtung der Enquete Kommission zu "Chancen und Risiken der Gentechnologie" (1987ff) und die Verabschiedung des Embryonenschutzgesetzes (1989).  In dieser Debatte nahm das TTN mit seiner Studie "Gentechnik: Eingriffe am Menschen. Ein Eskalationsmodell zur ethischen Bewertung"  (1990, 4. überarbeitete Aufl. 2002, hg. von Trutz Rendtorff/Ludwig Winnacker u.a.) Stellung , das für eine breite Aufmerksamkeit sorgte. Darüber hinaus sei in den Gründungstagen des TTN vor allem die Geschwindigkeit der Entwicklung der biomedizischen Forschung als besorgniserregend eingestuft worden, was sich, so Winnacker, heute, in ungeahntem Maße bewahrheitet habe. 

Der "Boom" der Ethik

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren sich einig, dass in den letzten zwei Jahrzehnten ein regelrechter "Ethik-Boom" eingesetzt habe. Sowohl in den Feuilletons wie auch in wissenschaftlichen und politischen Debatten der Gegenwart sei beispielsweise die Bioethik von einem Randthema zu einem der schnellst wachsenden Diskurse und somit unter anderem auch in der Kirche zu einem wichtigen Thema geworden.

Bedford-Strohm über  Technik, Theologie und Naturwissenschaften

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion trug der Landesbischof der Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern, Herr Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Thesen zum Thema: "Technik, Theologie und Naturwissenschaften – Leitplanken für den Dialog aus der Perspektive öffentlicher Theologie" vor. Bedford-Stohm thematisierte zunächst das Verhältnis der Kirche zu ethischen und naturwissenschaftlichen Debatten. Ausgehend vom "Priestertum aller Gläubigen" ergumentierte er gegen eine Verengung von kirchlicher Öffentlichkeit auf die so genannten Amtsträgern.  Ebenso haben auch die Mitglieder in den Gemeinden das Recht (und die Pflicht), sich zu gesellschaftlich relevanten Themen zu äußern. Eine öffentliche Theologie sei eine Theologie, die sich kulturellen Themen öffentlich und kritisch stelle.

Das Mensch-Natur-Verhältnis als zentrale Frage

Bedford-Strom argumentierte, dass die Debatte um die Frage, welches Recht der Mensch habe, in die Natur einzugreifen, immer auf spezifischen kulturellen Hintergrundcodes basiere. Er formulierte daraufhin analytisch drei unterschiedliche Ansätze zum Verständnis des Verhältnisses von Mensch und Natur: den utilitaristischen Anthropozentrismus, den naturzentrierten Ansatz und schließlich die so genannte Anthropozentrik der Verantwortung. Letztere sei dadurch gekennzeichnet, dass die Extrapositionalität des Menschen in der Natur herausgestellt werde, da nur der Mensch rational denken könne, gleichzeitig aber eine Minimierung der Gewalt gegenüber der Natur gefordert sei. Innerhalb dieses Verständnisses von Mensch und Natur sei, so Bedford-Strom, eine diachrone Verantwortungshaltung gefordert, die sich nicht nur auf die heutige Zeit beziehe, sondern auch zukünftige Gefährdungen nachhaltig in den Blick nehme.
Abschließend hob der Landesbischof die Bedeutung der Zivilgesellschaft hervor, die zukünftig als  konstruktiver "Bedenkenträger" noch stärker in den Diskurs eintreten müsse. Die Welten der Zivilgesellschaft, der Experten und der Kirche müssten näher zusammenrücken und sich wechselseitig Ernst nehmen, nur so könne ein zukunftsorientierter Dialog entstehen.

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Autor: Fabian Karsch