Tagungsbericht: Das Tier an sich? Neue wissenschaftliche Perspektiven der Mensch-Tier-Beziehung

Essen, forschen, streicheln – die Widersprüche in der Mensch-Tier-Beziehung sind eklatant. Aber sind sie auch ein „ethischer Skandal“? Braucht der Tierschutz ein neues, besseres Fundament? Fragen wie diese diskutierten Natur- und Geisteswissenschaftler im Rahmen der Tagung „Das Tier an sich?“ vom 8. – 9. November 2010 in der Evangelischen Akademie Tutzing.

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Tagungsbericht

Der Mensch tritt in vielerlei Kontexten in Beziehung zu Tieren. Schon bei einem ersten Blick auf diese unterschiedlichen Interaktionsfelder, wird offenkundig, dass die Mensch-Tier-Beziehung von großen Widersprüchen gekennzeichnet ist. So werden Tiere einerseits in der Forschung als Versuchstiere und Messinstrumente verwendet oder dienen in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung zur Fleischproduktion. Andererseits leben sie als Haustiere, wo sie liebevoll umsorgt von ihren Besitzern in quasi-partnerschaftlichen Beziehungen gehalten werden. Diese Ambivalenz zu problematisieren und nach neuen wissenschaftlichen Perspektiven der Mensch-Tier-Beziehung zu fragen, war das Ziel der Tagung, die am 8. und 9. November in der Evangelischen Akademie Tutzing stattfand. Dorthin luden die Kooperationspartner (das Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der LMU München, die Stiftung Bündnis Mensch & Tier, das Rachel Carson Center der LMU München sowie die Evangelische Akademie Tutzing) zu Vorträgen und Workshops ein.

Herwig Grimm: Tierschutz über Pathozentrismus hinaus?

In seinem Eröffnungsvortrag reflektierte Herwig Grimm die Frage nach den Referenzpunkten in tierethischen Theorien und des Tierschutzes angesichts der widersprüchlichen Mensch-Tier-Beziehungen. Ausgangspunkt seiner programmatischen Ortsbestimmung war zunächst der Anthropozentrismus, der den menschlichen Nutzen zum alleinigen Maßstab der Bewertung des Tieres und seiner Schutzwürdigkeit macht. Dem gegenüber stehen pathozentrische Konzepte, die den Schutz des Tieres vor allem anhand dessen Leidensfähigkeit begründen. Diese Perspektive findet in der heutigen Tierschutzgesetzgebung seinen Niederschlag, wo der Schutz empfindungsfähiger (Wirbel-)Tiere grundsätzlich normativ verankert ist. Allerdings scheinen die Prinzipien, welche allein die Vermeidung von Leid, Schmerzen und Schäden zum Ziel haben, heute nicht mehr auszureichen, um Tierschutz adäquat zu begründen. Entsprechend stellte er die Frage, ob der pathozentrische Ansatz dem Tier wirklich gerecht wird.

Die Frage nach dem Tier an sich

Diese Frage zu stellen bedeutet aber auch, die Problematik zu berühren, was das Tier eigentlich ist und nach neuen Referenzpunkten der Mensch-Tier-Beziehung Ausschau zu halten. Denn nur wenn man weiß was „das Tier“ ist, lässt sich auch begründen, wie man diesem gerecht werden kann. Herwig Grimm zog hier einen Vergleich zum kantischen „Ding an sich“ und seiner Funktion als erkenntnistheoretischer Vorbehalt. An die Debatte um ein „Tier an sich“ schließen sich freilich weitere Problem- und Fragestellung an, so Grimm: Wer bestimmt, was „das Tier an sich“ eigentlich ist? Ist es überhaupt möglich, den einheitlichen Referenzpunkt so klar herauszustellen, wie es etwa pathozentrische Positionen tun?

Deutlich wurde, dass der Pathozentrismus vor allem die biologische Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier betont: Beide sind leidensfähig, und diese Leidensfähigkeit ist moralisch relevant. Diese von Philosophen wie Bentham und Singer vertretene Position stellt im Tierschutz einen wichtigen Meilenstein dar. Durch die gelingende Operationalisierbarkeit und Anschlussfähigkeit des Konzeptes ist diese Ansicht zumindest in Europa mittlerweile common sense.

Braucht der Tierschutz ein neues Fundament?

Jedoch: Ist dies der einzig mögliche Ansatzpunkt? Werden damit tierethische Probleme wirklich adäquat erfasst? Gegenwärtig rücken Begriffe wie „Würde des Tiers“, „Mitgeschöpflichkeit“, „Integrität“ und „Tierrechte“ in den Vordergrund, die Tierschutz nicht allein am biologischen Organismus ausrichten. Diesen Begriffen ist gemeinsam, dass sie die Rolle des Menschen verstärkt in den Vordergrund rücken und die Unvermeidbarkeit der menschlichen Perspektive thematisieren. Nicht das Tier ist der Ausgangspunkt des Tierschutzes, sondern der Mensch in seiner Humanität. Um den Tieren gerecht zu werden, gilt es, sich dieser Rolle des Menschen reflektiert zu vergewissern. Im Ausblick auf die Tagung formulierte Herwig Grimm die Frage: Braucht der Tierschutz ein neues, besseres Fundament?
Sie wurde im Rahmen der Veranstaltung durch Beiträge aus der Theologie, Ethologie, Philosophie, Geschichtswissenschaft, Rechtswissenschaft und Veterinärmedizin vorgestellt und in Workshops bearbeitet.

Michael Rosenberger: Mensch-Tier-Beziehung aus theologischer Perspektive

Der erste Themenblock setzte sich mit der Rolle des Menschen im wissenschaftsbasierten Tierschutz auseinander, den der Theologe Prof. Dr. Michael Rosenberger von der Katholisch Theologischen Privatuniversität Linz eröffnete. Er stellte die Fundamente der Mensch-Tier-Beziehung aus anthropologischer und theologischer Perspektive in den Mittelpunkt seines Vortrages.

Nach einem Blick auf das neuzeitliche Konzept Descartes, welcher Tiere einzig als vernunftlose Maschinen beschrieb, denen keinerlei Schutzwürdigkeit zukommt, nahm Rosenberger auf biblische Quellen Bezug und interpretierte sie auf die Mensch-Tier-Beziehung hin. Beispielsweise verwies er auf Aussagen aus dem Buch Genesis, die nicht die Unterschiedlichkeit, sondern die Gleichheit von Mensch und Tier betonen. Beide sitzen im „selben Boot“ und bilden einen Teil der Rechtsgemeinschaft des Bundes, den Gott den Menschen und Tieren anbietet. Dieses Verhältnis, das von einer deutlichen Wertschätzung der Tiere geprägt ist, spiegelt sich auch in den Gesetzestexten der Bücher Mose wider.

„Verantwortung für Mitgeschöpfe“

Dennoch stehen Mensch und Tier nicht völlig auf einer Stufe. Der Mensch trägt Verantwortung für das Tier, es ist also keine Beziehung der Ebenbürtigkeit. So muss laut Rosenberger auch die Formulierung, der Mensch sei das „Ebenbild Gottes“ im historischen Kontext verstanden werden. In dieser Interpretation meint diese Textstelle vor allem, dass der Mensch als derjenige fungiert, durch den Heil vermittelt wird und der als Garant der göttlichen Schöpfungsordnung für Gerechtigkeit Sorge trägt. Insofern ist die Rolle des Menschen in der Beziehung zum Tier von Verantwortung den Mitgeschöpfen gegenüber geprägt, die aus biblischer Sicht nicht als ein Freibrief, sondern als Aufgabe verstanden werden muss.

Von der Würde des Tieres

Kann man nun aber davon sprechen, dass dem Tier eine „Würde“ zukommt? Rosenberger erinnerte hier daran, dass in der Bibel wörtlich übersetzt von der „Fleischwerdung“ (nicht Menschwerdung) Christi die Rede ist. Christus wurde also ein Geschöpf der Erde. Insofern sind auch hierbei die Tier in die Gemeinschaft der Würdenträger eingeschlossen. Rosenberger steht hier in einer Tradition, die den Würdebegriff auch auf Tiere ausweitet, zu nennen sind hier Taylor, Ricken, Ferré und Mink. Der normative Gehalt von Würde besteht nach Rosenberger darin, dass ein Geschöpf nicht ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten beurteilt werden darf, sondern ein Adressat von Gerechtigkeit ist. Es besitzt eine Unersetzbarkeit, die sich nicht in quantitativen Begriffen fassen lässt. Die moralischen Grundhaltungen, die diesem Anspruch entsprechen, sind Ehrfurcht und Empathie für das Tier, welche sich in der Übernahme von Verantwortung manifestieren. Im Hinblick auf das Tier bedeutet Gerechtigkeit für Rosenberger, dass die Bedürfnisse der Tiere ernst genommen werden und sie an dem Wohlstand, den unsere Gesellschaft erreicht hat, teilhaben. Insofern meint Tierschutz auch eine faire Güterabwägung.

Kurt Kotrschal: Kein tiefer Graben zwischen Mensch und Tier

Nach dieser philosophisch-theologischen Grundlegung der Rolle des Menschen und seiner Beziehung zum Tier sprach der Biologe Prof. Dr. Kurt Kotrschal vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien über die biologische Basis der Beziehungsfähigkeit zwischen beiden. Er betonte, dass es nach biologischen Kriterien nicht sinnvoll erscheint, von einem tiefen Graben zwischen den Merkmalen der Beziehungsfähigkeit von Menschen und Tieren zu sprechen. Vielmehr lassen sich in der Steuerung des sozio-sexuellen Verhaltens von Wirbeltieren weitgehende Entsprechungen finden.
Außerdem wies Kotrschal auf Versuche hin, die die Vermutung bestätigen, dass das darwinsche Kontinuum nicht nur für körperliche, sondern auch für kognitive Funktionen gilt. Bei Versuchen mit Schimpansen und Rabenvögel wurde nachgewiesen, dass diese eine Art „Theory of Mind“ besitzen. Viele Tiere besitzen basale moralische Fähigkeiten wie Beziehungswissen, Empathie und haben einen Sinn für „Gerechtigkeit“, so der Verhaltensforscher. Aufgrund dieser Erkenntnisse scheint der Graben zwischen Mensch und Tier nicht so unüberbrückbar, wie lange Zeit angenommen wurde.

Funktionale Eigenschaften von Beziehungen

Weiter ging Kotrschal auf die funktionalen Eigenschaften von Beziehungen ein, die sich sowohl beim Menschen als auch beim Tier finden lassen. Hier zeigt sich, dass sie nie völlig harmonisch ablaufen und vor allem der gegenseitigen Befriedigung sozialer Bedürfnisse dienen. Bei der Analyse von Mensch-Tier-Beziehungen ergab sich die Einsicht, dass diese wesentlich von der Beziehung des Menschen zu anderen Menschen geprägt ist. Insgesamt verwies Kotrschal darauf, dass es aus biologischer Sicht verfehlt ist, von großen Unterschieden zwischen der Beziehungsfähigkeit des Menschen und jener der Tiere zu sprechen. Dieses Votum stellte sich als eine äußerst fruchtbarer Bezugspunkt heraus, auf den im Laufe der Tagung vielfach Bezug genommen wurde.  

Kirsten Schmidt: Das Konzept der „Integrität“

Im Anschluss daran stellte Dr. Kirsten Schmidt von der Ruhr-Universität Bochum ihre Ausarbeitung des Konzeptes der „Integrität“ als tierethisches Kriterium vor: In den Anfängen des Tierschutzes stand das pathozentrische Argument nach Bentham im Fokus der moralischen Berücksichtigung des Tieres. Nicht zuletzt aufgrund neuer technischer Möglichkeiten finden wir uns gegenwärtig jedoch in Situationen wieder, in denen dieses Argument der Leidensfähigkeit nicht mehr ausreichend scheint.

Schmidt schlägt hier ein Kriterium vor, welches das Potential birgt, den neuen Herausforderungen der Mensch-Tier-Beziehung adäquat begegnen zu können: „Intergität“ wird dabei als ein zusätzliches Kriterium zu Gesundheit und Wohlergehen verstanden. Es beinhaltet sowohl den statischen Aspekt der Unversehrtheit des körperlichen Ganzen wie auch das dynamische, interaktive Gleichgewicht zwischen Organismus und Umwelt. Des Weiteren spielen die Integrationsfähigkeit als aktiv-gerichtete Komponente und das Verständnis des Tieres als handelndes Subjekt eine entscheidende Rolle. Diese ganzheitliche Perspektive eröffnet nach Schmidt eine neue Möglichkeit, der Beziehung von Mensch und Tier adäquat zu gestalten. In einer gelingenden Beziehung bleiben sowohl die Integrität des Menschen als auch des Tieres gewahrt.

Beat Sitter-Liver: Die Würde der Kreatur

Der anschließende Vortrag brachte einen neuen Aspekt in die Diskussion: Beat Sitter-Liver, Mitglied der EKAH, führte in die Schweizer  Debatte ein, wo 1992 die „Würde der Kreatur“ in die Bundesverfassung aufgenommen wurde und mittlerweile auch im Tierschutzrecht verankert ist. In diesem Zusammenhang erläuterte Sitter-Liver das zugrunde liegende philosophische Konzept der Würde der Kreatur. Diese bedeutet, dass Lebewesen nicht auf ihren Nutzen für den Menschen reduziert werden sollten. Die Konzeption eines Eigenwertes soll allen Organismen gerecht werden, ohne, dass eine schöpfungstheoretische Grundlegung herangezogen werden muss.
Sitter-Liver führte die wesentlichen Punkte vor allem in Bezug auf Pflanzen aus: Pflanzen haben ein Recht auf Fortpflanzung, Eigenständigkeit, Evolution, Überleben der eigenen Art, respektvolle Forschung und Entwicklung und ein Recht darauf, nicht patentiert zu werden. In Anlehnung an Albert Schweitzer drückt sich in diesen Thesen eine Ehrfurcht vor dem Leben aus.

Die „Würde der Kreatur“ ist nicht absolut

Die Rede von der Würde der Kreatur bedeutet dabei nach Sitter-Livers Auffassung nicht, dass alle Lebewesen gleich behandelt werden sollen. Die „Würde der Kreatur“ ist – anders als die Menschenwürde – nicht absolut zu verstehen, sondern vielmehr offen für eine Güterabwägung. Es gibt also Differenzen zwischen den Kreaturen, welche Ungleichbehandlungen rechtfertigen. Unsere Menschenwürde besteht darin, mit diesen Spannungen  umzugehen und sie ernst zu nehmen.
Der allgemeine Würdebegriff ist damit weiter gefasst als der Begriff der Menschenwürde. Seine Kernbedeutung ist, dass das Leben ein Dasein als Zweck an sich selbst darstellt, welches einen Eigenwert besitzt und insofern unverfügbar ist.

Die Würde der Kreatur als „konkrete Utopie“

Mit Blick auf die Schweiz meinte der Referent, dass hier keineswegs paradiesische Zustände für Tiere und Pflanzen bestehen aus der Verankerung der Würde in Rechtstexten folgte. Die Aufnahme der „Würde der Kreatur“ in die Verfassung zeigt kaum Auswirkungen auf den in der Realität stattfindenden Umgang mit Tieren und Pflanzen. Sitter-Liver bezeichnete den Vorstoß der Schweiz als „konkrete Utopie“ im Sinne von Block, die Zeit zur Verwirklichung braucht.

Diskussionen in den Workshops

Um die Inhalte der Vorträge und weiterführende Fragen in einem kleineren Rahmen zu diskutieren, teilten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung in sechs Arbeitsgruppen auf.
(1) Der Workshop unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Kunzmann, Philosoph am Ethikzentrum in Jena, ging der Frage nach, was unter dem Begriff der „Würde“ eines Tier zu verstehen ist, welche Schwierigkeiten dieses Konzept mit sich bringt und wie eine mögliche Präzisierung aussehen kann.
(2) Dr. Kirsten Schmidt intensivierte in der zweiten Workshop-Gruppe ihre Ausführungen zum Begriff der „Integrität“ eines Lebewesens.
(3) Dr. Johanna Moritz, Amtstierärztin in Bayern und Dr. Norbert Alzmann, Biologe und Tierethiker aus Tübingen, beschäftigten sich mit ihrer Gruppe mit der Frage der Tiere als Rechtssubjekte.
(4) Die Arbeitsgruppe unter der Leitung von Dr. Aline Steinbrecher, Historikerin von der Universität Zürich, setzte sich mit kulturgeschichtlichen Perspektiven der Mensch-Tier-Beziehung auseinander: Schreiben Tiere Geschichte?
(5) Prof. Dr. Thomas Blaha, Veterinärmediziner der Tierärztlichen Hochschule Hannover, und Dr. Sonja Hartnack, Veterinärmedizinerin an der Vetsuisse, arbeiteten in ihrem Workshop die Zielkonflikte im Berufsbild des Veterinärmediziners heraus.
(6) Unter der Leitung des Philosophen Dr. Herwig Grimm vom Institut TTN beschäftigte sich die sechste Arbeitsgruppe schließlich mit den Problemen des Theorie-Praxis Transfers in der Tierethik.

Frank Uekötter: Sozialgeschichtlicher Kontext der Mensch-Tier-Beziehung

Neuen Input für die zweite Phase der Workshops erhielten die Teilnehmer am Beginn des zweiten Tages. Dr. Frank Uekötter vom Rachel Carson Center referierte unter dem Titel „Die feinen Unterschiede: Ein Versuch, die Beziehung von Mensch und Tier zu historisieren“ über die Geschichte des Tierschutzes und der Tierschutzbewegung in Europa. 1824 wurde in England die weltweit erste Tierschutzorganisation „Society for the Prevention of Cruelty to Animals” gegründet.  Die Anfänge des Tierschutzes waren dabei sowohl in England wie auch in Deutschland stark von pädagogischen Aspekten geprägt. Kernanliegen waren vor allem die Bekämpfung von Tierquälerei zur Unterhaltung wie z.B. bei Hahnenkämpfen, und später auch die Forderung eines Verbots der Vivisektion, wobei Uekötter darauf hinwies, dass in der Tierschutzbewegung immer auch Klassenunterschiede zum Ausdruck gebracht wurden. In dieser Bewegung spielten insbesondere auch evangelische Pastoren eine tragende Rolle, was bislang als Thema der evangelischen Theologie noch nicht beforscht wurde und sicherlich ein Desiderat darstellt.

Nationalsozialismus und Tierschutz

In Deutschland wurde das erste Tierschutzgesetz im Jahr 1933 vom nationalsozialistischen Regime erlassen. Die Debatte um den Schutz des Tieres war nicht nur ein willkommenes populäres Thema, sondern auch ideologisch gefärbt und Ausdruck von Antisemitismus, wie das Verbot des „Schächtens“ zeigt.
Besondere Brisanz wies der Erlass des Verbotes von Vivisektionen, der „wissenschaftlichen Tierfolter“, auf. Als kritische Stimmen von Seiten der Wissenschaft laut wurden, dass durch dieses Verbot der technische wie medizinische Fortschritt in Deutschland gefährdet sei, wurde das Verbot nach und nach eingeschränkt. Zuletzt waren Vivisektionen, unter erhöhten bürokratischen Aufwand, praktisch wieder erlaubt.

Die Medialisierung des Tierschutzes nach 1945

Ein besonderer Schwerpunkt der Ausführungen von Uekötter lag in der Entwicklung des Tierschutzes seit 1945. Diese lässt sich nur in enger Wechselwirkung mit dem Aufblühen der Medienlandschaft verstehen. Vor allem in 60ern und 70ern lässt sich beobachten, dass die mediale Aufbereitung der Anliegen der Tierethik in einem „wohnzimmertauglichen“, „bequemen“ Format stattfand bzw. derart rezipiert wurde. Gegenwärtige Medienkampagnen diverser Tierschutzorganisationen setzen hingegen bewusst auf eine Art Skandalisierung, wobei sich zeigt, dass es vor allem „Außenseiterthemen“ wie die Kritik an Zirkus oder Pelztragen sind, die medial intensiv diskutiert werden.

Peter Kunzmann: Über die Widersprüche in der Mensch-Tier-Beziehung

Prof. Dr. Peter Kunzmann, Philosoph am Ethikzentrum in Jena, sprach als letzter Referent über die Widersprüche in der Mensch-Tier-Beziehung: Das gleiche oder manchmal sogar dasselbe Wesen erfährt eine unterschiedliche Bewertung und Behandlung. Diese Diskrepanz wird dabei oftmals als „ethischer Skandal“ empfunden.
Kunzmann nannte sieben wesentliche unterschiedliche Wirkungskreise, in denen Tieren dem Menschen begegnen und je nach Kontextualisierung eine unterschiedliche Behandlung erfahren: Als Nutz-, Zirkus-, Wild-, Zoo-, Begleit-, Heim- oder Labortier. Kunzmann betonte jedoch, dass aus seiner Perspektive der Skandal weniger in der Ungleichheit – denn wir behandeln auch Menschen unterschiedlich, je nach ihrer Nähe zu unserer eigenen Person –, denn in der prinzipiellen Unangemessenheit der Behandlung eines Tieres besteht. In diesem Sinne plädierte er den Eigenwert eines Tieres anzuerkennen und es in seiner Eigenart zu respektieren.

Reicht der Pathozentrismus nicht mehr aus?

Durch neue technische Möglichkeiten, so Kunzmann in Übereinstimmung mit Kirsten Schmidt, gelangt der Mensch in Kontexte, in denen das pathozentrische Argument nicht länger als ausreichendes Kriterium taugt. So ist es zum Beispiel denkmöglich, ein Tier gentechnisch derart zu verändern, dass sein Leid nicht vergrößert, ja sein Wohlbefinden sogar gesteigert wird, und dennoch stoßen sich derartige Eingriffe an unserer moralischen Intuition. Vor diesem Hintergrund, so Kunzmann, ist es nicht zuletzt zu verstehen, warum Begriffe wie „Würde des Tieres“ oder „Integrität“ Hochkonjunktur haben und nach einem neuen, besseren Fundament einer adäquaten Beziehung von Mensch und Tier gesucht wird.

Offenheit gegenüber neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen

In der abschließenden Diskussion wurde nochmals die prinzipielle Notwendigkeit der Offenheit gegenüber neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen betont, die uns zu neuen Konzeptionen der Mensch-Tier-Beziehung herausfordern: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse müssen wahrgenommen und alte gegebenenfalls revidiert werden. Ziel, so kann ein Grundtenor der Abschlussdiskussion zusammengefasst werden, ist es dabei, über das rein pathozentrische Argument hinauszugehen und zu verstehen, dass Tiere über die Leidensfreiheit hinaus noch andere zentrale Ansprüche aufweisen und an uns richten.

Neuer Fokus auf konkrete Akteure

Ein zentraler Ansatzpunkt für zukünftigen Tierschutz und seine Umsetzung muss es dabei sein, verstärkt die Akteure in den Fokus zu rücken: Der Mensch hat Verantwortung für das Tier – und er hat dies nicht jenseits, sondern in konkreten Situationen. Im Rahmen der Tagung wurde diesbezüglich immer wieder auf die gegenwärtig diagnostizierbare Überforderung der Veterinärmediziner verwiesen, die bereits im Berufsbild enthalten ist.

 

Das Tier als Maß – der Mensch als Ausgangspunkt

Als Fazit der Tagung lässt sich zusammenfassen: Wer über das Tier an sich nachdenkt, kommt nicht umhin, auch über den Menschen nachzudenken. Dabei ist das Tier das Maß für einen adäquaten menschlichen Umgang mit ihm: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Natur- und Geisteswissenschaften helfen dabei, genauer zu bestimmen, welche tierlichen Bedürfnisse in einer angemessenen Mensch-Tier-Beziehung eine Rolle spielen und was es heißt, ein Tier in seiner Eigenart zu respektieren. Ausgangspunkt des Tierschutzes ist jedoch der Mensch in seiner Humanität, der seiner Verantwortung dann gerecht wird, wenn er für die Orientierung seiner Handlungen am Tier Maß nimmt.

Stefanie Herrestahl, Christian Dürnberger