Michael Zichy auf dem Kongress "International Society of Oncology and BioMarkers" über ethische Aspekte der Personalisierten Medizin

Dr. Michael Zichy sprach am 6. September in einem Plenarvortrag am 38. Kongress der International Society of Oncology and BioMarkers (ISOBM) am Klinikum Großhadern in München über ethische Aspekte der Personalisierten Medizin.

Keine ethische Schlüsselfrage

Nach einer kurzen Einführung in die Ethik gab er einen bündigen Überblick über die vielfältigen ethischen Fragen, die die Personalisierte Medizin aufwirft. Auffallend daran sei zweierlei: Erstens habe die Personalisierte Medizin im Gegensatz zu anderen bioethischen Brennpunkten wie z.B. die Stammzellforschung oder die Organspende keine die Debatte beherrschende ethische Schlüsselfrage; statt dessen werde sie von einem regelrechten Schwarm kleinerer ethischer Problemstellungen begleitet. Diese Problemstellungen ließen sich zweitens unterscheiden in solche, die klar auf das ärztliche Handeln bezogen seien und durch Regulierung in den Griff zu bekommen sein dürften (z.B. informierte Zustimmung, seltene Krankheiten), und in solche, die auf wichtige (meta)ethische Vorstellungen bezogen (z.B. das Verständnis von Krankheit oder der Rolle des Arztes) und daher schwieriger zu kontrollieren seien.

Vier Herausforderungen

In der Folge fokussierte Michael Zichy seinen Vortrag insbesondere auf vier exemplarische ethische Herausforderungen: (1) Die biomarkerbasierte Stratifizierung, d.h. der Unterteilung von Patientengruppen in Untergruppen könne dazu führen, dass Patienten, die bislang in den Genuss einer therapeutischen Intervention gekommen wären, diese Intervention nun aus Kostengründen versagt werde, etwa weil sie zur Gruppe mit niedriger Medikamenten-Ansprechbarkeit zählten (die es vorher nicht gab). (2) Eng damit zusammen hänge auch der Umstand, dass die Stratifizierung zur Erzeugung von „seltenen Krankheiten“ führen könnte. Ist die Patienten-Untergruppe, für die die gegebenen Medikamente nicht in Frage kommen, klein, sei es unwahrscheinlich, dass neue, passende Medikamente entwickelt würden.
Während diese beiden Probleme Fragen der Gerechtigkeit und Kosteneffizienz aufwürfen, berührten die beiden letzteren relevante Denkmuster: Da Personalisierte Medizin stark mit genetischen Daten arbeite, die sich zudem teilweise ethnischen Unterschieden zuordnen ließen, verstärke sie gesellschaftlich problematische Tendenzen der (3) "Genetisierung" und (4) "Rassifizierung" des Verständnisses von Krankheit bzw. überhaupt des Menschen.

Desiderat: Ethische Begleitforschung

Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der Tatsache, dass Personalisierte Medizin erst am Anfang ihrer Entwicklung sei, schloss Michael Zichy mit der Forderung nach einer stärkeren ethischen Begleitforschung der Personalisierten Medizin.