Umgang mit der Informationsflut: Von einer Kultur des Rückzugs aus der Vernetzung

Die Coverstory des aktuellen "Spiegel" "Ich bin dann mal off"  widmet sich der gefährdeten Kunst des Müßigganges im Zeitalter digitaler Medien: Via Handys und Smartphones immer und überall erreichbar sein zu müssen - diese stete Vernetzung mit Arbeit und Freunden stellt sich im alltäglichen Leben nicht nur als Segen und Chance, sondern auch als Belastung und Verhängnis heraus. Die Autorin Susanne Beyer skizziert die von zahlreichen Denkern und Künstlern der Vergangenheit so hoch geachtete "Muße" als nahezu vergessene Daseinsform in den Wogen der gegenwärtigen  Informationsflut.

Themenfeld der Ethik: Rückzug aus der steten Vernetzung

Der Text widmet sich dem Thema aus einer essayistischen Perspektive und geht nicht auf juristische oder ethische Fragen in diesem Zusammenhang ein. Von der noch immer jungen und noch immer um ihre Konturen ringenden Informationsethik wird ein etwaiges Recht auf Rückzug aus den informationellen und kommunikationstechnologischen Sphären ohnehin noch immer stiefmütterlich behandelt. Während das Recht auf Teilhabe an den modernen ICTs (siehe die Debatte um den "Digital Divide") und die damit einhergehende Gefahr der Preisgabe (siehe die mannigfaltigen Diskussionen zum Thema Privatsphäre im Netz) längst als ethische Aufgabenfelder erkannt werden, wird der Umgang mit der nicht endenden Informationsbeschallung und dem ständigen Vernetztsein(-können/müssen) kaum thematisiert.

Neue Konzepte der Askese: Online-Fasten?

Inwieweit haben wir ein Recht darauf, auch mal "offline" zu sein, ja inwieweit gehört es zu einer "Pflicht" uns selbst gegenüber, darauf zu achten, auch einmal "Medien-fasten" zu pflegen? Besteht die Askese der Zukunft im zeitweiligen, bewussten und freiwilligen Verzicht auf Kommunikationsmedien, Askese 2.0 gewissermaßen? Oder werden sich mehr und mehr ein Social Media Sabbatical gönnen, ganz im Sinne des (Medien und Informations)Philosophen Rafael Capurro, der fordert: Wir müssen uns digital-freie Räume und Zeiten leisten und uns generell von der psychotischen Vorstellung verabschieden, das alles, was einen als Botschaft erreicht, auch eine Bedeutung für einen hat.

Entscheidendes Thema jeder Lebensführung

Braucht es also eine zu entwickelnde Kultur des Rückzugs aus Informationssphären? Fakt ist: Der Umgang mit dem fortwährenden Vernetzt-sein und dem steten, auf uns eindringenden Informationsfluss ist ein entscheidendes Thema jeder Lebensführung der Moderne. Und es ist dabei nicht anzunehmen, dass die Bedeutung dieser Frage abnehmen wird. So schreibt Matthias Wörther in seinem Text "Jenseits der Datenflut. Überlegungen zur Informationsaskese":  "Jenseits der Datenflut, wenn der freie Zugang zu Informationen kein Thema mehr und der ›Digital Divide‹ verschwunden ist, wird der angemessene Umgang mit Information und damit die Frage nach der ›digitalen Askese‹ ein entscheidendes Thema jeder Lebensgestaltung sein."

Literatur(tipps):

Wörther, Matthias: "Jenseits der Datenflut. Überlegungen zur Informationsaskese." In: Scheule, Rupert M.; Capurro, Rafael; Hausmanninger, Thomas (Hg.): „Vernetzt gespalten. Der Digital Divide in ethischer Perspektive.“ Schriftenreihe des International Center for Informations Ethics. Band 3. Wilhelm Fink Verlag, 2004. 85 – 95.

Capurro, Rafael: "Leben in der message society. Eine medizinethische Perspektive."

Meckel, Miriam: "Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle." Hamburg. 2007.