Gentests für Embryonen im Reagenzglas: Macht die Präimplantationsdiagnostik eine Änderung des Embryonenschutzes notwendig?

Bisher galt die Präimplantationsdiagnostik (PID) als unvereinbar mit dem deutschen Embryonenschutzgesetz (EschG) aus dem Jahre 1990. Seitdem der Bundesgerichtshof (BGH) am 6. Juli 2010 einen Arzt freisprach, der Gentests an Embryonen im Reagenzglas vorgenommen hatte, um nur Embryonen ohne genetische Schädigung in die Gebärmutter der Frau zu implantieren, ist die Diskussion um die ethische und rechtliche Regelung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland erneut entbrannt.

Was geschieht bei der Präimplantationsdiagnostik(PID)?

Die PID ist eine Untersuchungsmethode zur genetischen Früherkennung von Krankheiten. Das besondere an dieser Form der pränatalen Diagnostik ist, dass sie vor der Etablierung einer Schwangerschaft stattfindet. Dazu ist es notwendig, dass die Befruchtung von Eizelle und Samenzelle auf dem Wege der sog. extrakorporalen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, kurz IVF), also im Labor, stattfindet. Zielgruppe für diese Art der Diagnostik sind Frauen bzw. Paare, die ein bekannt hohes Risiko haben, ein Kind mit einer genetisch bedingten Krankheit oder schweren Behinderung, zur Welt zu bringen.

Die Verwendung von Embryonen nach dem Embryonenschutzgesetz (EschG)

Nach dem EschG darf eine extrakorporale Befruchtung allein zum Zweck der Herbeiführung einer Schwangerschaft bei einer Frau vorgenommen werden, von der die Eizelle stammt (§ 1 Abs. 2). Innerhalb eines Monatszyklus dürfen nicht mehr als drei Embryonen auf die Frau übertragen werden (§ 1 Abs. 3). Von besondere Bedeutung ist die Bestimmung, dass nicht mehr Eizellen einer Frau befruchtet werden dürfen, als ihr innerhalb eines Zyklus übertragen werden sollen (§ 1, Abs. 5) § 2 EschG regelt die Verwendung menschlicher Embryonen und verbietet unter anderem die Abgabe, den Erwerb oder die Verwendung von Embryonen zu einem nicht ihrer Erhaltung dienenden Zweck.

Der Fall: Verletzung des EschG durch PID zur Entdeckung schwerer genetischer Schäden?

Der BGH hatte in seinem Urteil vom 6. Juli 2010 gegen einen Berliner Arzt nun zu entscheiden, ob die Verwerfung von Embryonen mit genetischen Defekten eine missbräuchliche Anwendung von Fortpflanzungstechniken darstellt. Zum Hintergrund: Der Berliner Arzt hatte in den Jahren 2005 und 2006 bei drei Paaren die im Reagenzglas befruchteten Eizellen auf genetische Auffälligkeiten untersucht. Bei einem der Männer lag ein Gendefekt vor, der zur Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom hätte führen können, eine der Frauen wies eine partielle Trisomie 22 auf; Kinder, die damit geboren werden, weisen meist Organschäden sowie körperliche und geistige Behinderungen auf. Das dritte Paar hatte schon eine schwerbehinderte Tochter. Von insgesamt acht Zellen wiesen vier Defekte auf; darüber informierte der Arzt seine Patientinnen, die es ablehnten, sich die betroffenen Eizellen einpflanzen zu lassen. Diese ließ der Arzt absterben und zeigte sich Anfang 2006 selbst an. Obwohl das Berliner Landgericht den Arzt am 14. Mai 2009 freigesprochen hatte, ging die Staatsanwaltschaft in die Revision, mit der Folge einer abschließenden Behandlung des Falls durch den BGH.

Das Urteil: Keine genetische Untersuchung an Embryonen im Sinne des EschG

Auch wenn bisher lediglich eine Pressemitteilung des BGH veröffentlicht wurde und die schriftliche Begründung des BGH-Urteils noch aussteht, geht aus der knappen Mitteilung doch hervor, dass der Freispruch vor allem darauf gegründet ist, dass die genetische Untersuchung des Berliner Arztes nicht an Embryonen im Sinne des Embryonenschutzgesetzes durchgeführt worden ist. § 8 Abs. 1 EschG definiert: „Als Embryo im Sinne dieses Gesetzes gilt bereits die befruchtete, entwicklungsfähige menschliche Eizelle vom Zeitpunkt der Kernverschmelzung an, ferner jede einem Embryo entnommene totipotente Zelle, die sich bei Vorliegen der dafür erforderlichen weiteren Voraussetzungen zu teilen und zu einem Individuum zu entwickeln vermag." Normalerweise findet eine PID am dritten Tag nach der Befruchtung statt, in dem die Zellen noch als „totipotent" gelten, also sich zu einem vollständigen Organismus entwickeln können. Der Berliner Arzt praktizierte allerdings eine „späte PID" an Zellen, die bereits in ein „pluripotentes" Stadium übergegangen waren. Diese Zellen können sich noch in verschiedene Gewebe entwickeln, sind aber nicht mehr in der Lage, einen gesamten Organismus auszubilden. Diese sogenannte Trophoblastbiopsie, die spätestens am sechsten Tag erfolgen muss, stellt damit – zumindest dem Wortlaut nach – keine missbräuchliche Verletzung von Embryonen im Sinne des EschG dar. Der BGH konstatiert: „Das Vorgehen des Angeklagten verstößt weder gegen den Wortlaut noch gegen den Sinn des Gesetzes. Dem bei jeder Gesetzesauslegung zu würdigenden Willen des historischen Gesetzgebers [erg. beim Beschluss des EschG im Jahre 1990) lässt sich ein Verbot einer solchen PID, die der Gesetzgeber nicht ausdrücklich berücksichtigt hat, nicht entnehmen." Allerdings muss eingeräumt werden, dass im Jahre 1990 die Trophoblastbiopsie aufgrund des technischen Standes der Reproduktionsmedizin noch nicht als aussichtsreich erschien.

Die Abwägung: PID und Pränataldiagnostik (PND)

Aber nicht nur die Definition des embryonalen Status, sondern auch die Zielsetzung der PID an den Embryonen der drei betroffenen Paare geht nach dem Urteil des BGH mit dem EschG konform. Zum einen erfolgte die Biopsie ausschließlich zum Zweck der Herbeiführung einer Schwangerschaft. Zum anderen wägt der BGH ausdrücklich die Alternative ab, die der Frau im Falle einer genetischen Schädigung des Embryos durch den Gesetzgeber gewährt wird: Mit Hilfe einer Pränataldiagnostik kann die Frau nach Einsetzen der Schwangerschaft in einem wesentlich späteren Stadium der Embryonalentwicklung den gesundheitlichen Zustand ihres Kindes diagnostizieren lassen und im Falle einer schweren Behinderung oder bei geringer Überlebenschance des Embryos auch nach der 20. Schwangerschaftswoche einen Abbruch vornehmen lassen. In diesem Kontext kann die PID also dazu beitragen, eine späte Abtötung eines Embyros, der bereits entwickelt ist, oder gar eines weitentwickelten, schmerzempfindlichen Fötus (Spätabtreibung) zu vermeiden. Befürworter der PID argumentieren deshalb, dass die PID im Grunde nichts anderes als eine zeitliche Vorverlegung jener Abtreibung und Selektion ist, die ansonsten mehre Wochen oder Monate später stattfindet, mit dem Unterschied dass die Eingriffstiefe im Reagenzglas ungleich geringer ist und daher als geringeres Übel auch ethisch vorzuziehen ist (was auch durch den legalen Einsatz von Nidationshemmern durch den Gesetzgeber zugestanden wird).

Der ethische Konflikt: Selektion des Menschen am Beginn des Lebens?

In seiner Pressemitteilung betont der BGH, „dass Gegenstand seiner Entscheidung nur die Untersuchung von Zellen auf schwerwiegende genetische Schäden zur Verminderung der genannten Gefahren [erg. Schwangerschaftsabbruch] im Rahmen der PID sei. Einer unbegrenzten Selektion von Embryonen anhand genetischer Merkmale, etwa die Auswahl von Embryonen, um die Geburt einer ‚Wunschtochter’ oder eines ‚Wunschsohnes’ herbeizuführen, wäre damit nicht der Weg geöffnet." Freilich, die Formulierung „schwerwiegende genetische Schäden" ist durchaus interpretationsoffen. In Großbritannien, dem „Mutterland" der PID, ist diese mittlerweile für 130 Krankheiten – zumeist Erbkrankeiten, aber auch nach Gentests für Krebsanlagen – zugelassen. Gerade dieses Beispiel zeigt aber auch, dass von einem ausufernden Einsatz der PID keine Rede sein kann. Seit ihrer Einführung im Jahre 1990 wurde in Großbritannien bis zum Jahre 2006 nicht mehr als 500 PID-Untersuchungen durchgeführt, was sicherlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass diese Diagnostik für die betroffene Frau ein sehr belastendes und auch medizinische aufwändiges und relelativ kosteninstensives Verfahren ist. Gleichwohl bleibt als größtes Problem die Frage, ob die PID nicht dazu verführt, zwischen Wert und Unwert des Lebens abzuwägen. Eine Positivliste wie in Großbritannien praktiziert, darf auf jeden Fall nicht dazu führen, Menschen mit besagten Genschäden als unwertes Leben zu diskriminieren. Alan Handyside, der vor 20 Jahren über die erste PID-Anwendung in „Nature" berichtete, rät deshalb davon ab, die Frage, was als „schweres Leiden" einzustufen sei, durch den Gesetzgeber objektiv zu formulieren. Dieser könne lediglich festlegen, welche Gendaten aus der Embryonenanalyse an die Eltern weitergegeben werden dürfen. Entscheiden könnten nur die betroffene Frau bzw. die Eltern. Damit wird die Verantwortung der Eltern zum entscheidenen Kriterium einer möglichen Selektion von Embryonen erhoben. Der in diesem Zusammenhang gerne verwendete Begriff der „reproduktiven Autonomie" der Eltern, der auf den Bestimmungen des GG Art 6 fußt, benennt diesbezüglich zwar eine letzte Entscheidungsinstanz für den tiefgreifenden Konflikt, sofern nicht gleichrangige Grundrechte tangiert sind. Aber woran soll sich diese Autonomie orientieren?

Die Aufgabe der Ethik: Beratung zur Einübung von Verantwortung durch die Eltern

Es ist unübersehbar, dass die Fortschritte auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin nicht nur Chancen zur verantwortlichen Elternschaft im Umgang mit der eigenen Fortpflanzung bieten, sondern Eltern und Ärzte auch vor neue Probleme bei der Ausübung ihrer Autonomie stellen: Der Wunsch nach einem eigenen Kind bleibt gebunden an der Orientierung am Wohl des Kindes. Ist es deshalb legitim, einen schwer geschädigten Embryo in der Petrischale zu verwerfen und stattdessen den Embryo ohne Schädigung vorzuziehen? Versteht man Elternschaft als Beziehungsgeschehen zwischen einer Mutter bzw. Paar und einem Kind im Mutterleib, dann stellt die legale Praxis des Schwangerschaftsabbruchs eine tiefgehende Störung dieser Beziehung dar. Will der Gesetzgeber die Verantwortung der Eltern für ihr Kind stärken, dann kommt er wohl nicht um eine kontextsensitive Abwägung der PID im Zusammenhang der anderen Praxen zur Beendigung menschlichen Lebens herum. Darüber hinaus stellen sich aber auch ganz neue Fragen, z.B.: Wieviel Wissen vertragen Eltern über die mögliche Zukunft eines Kindes, mit dem die Mutter noch gar nicht schwanger geht? In dieser Situation erscheint weniger eine erneute Debatte um den „moralischen Status des Embryos" weiter zu führen, wie er in der Debatte um die Forschung an embryonalen Stammzellen geführt wurde. Nicht ein abstrakter moralischer Status, sondern die Bedingungen der Annahme des eigenen Kindes - sei es gesund, behindert oder krank - müssen mit den Eltern besprochen werden. Dazu gehört auch die klare Botschaft an die werdenden Eltern, dass es keine Garantie für ein hundertprozentig gesundes Kind geben kann und dies auch mit PID nicht geben wird. Gegenüber Positionen, die die Unvermeidbarkeit einer Selektion zwischen geschädigten und nicht-geschädigten Embryonen als Hauptargument gegen die PID herausstellen, muss gleichwohl deutlich gemacht werden, dass es in dem vom BGH verhandelten Fällen nicht um die "Herstellung" sogenannter Designerkinder geht. Ziel der erlaubten PID ist nicht Enhancement, sondern Treatment, nicht Verbesserung, sondern das gesundheitliche Wohl des Kindes. Auch wenn damit Entscheidungen verbunden sind, die zurecht als ethisch problematisch angesehen werden, ist mit dem Urteil des BGH doch keine "schiefe Ebene" hin zum gentetisch optimierten Wunschkind hin beschritten.

Kirchen verurteilen den Einsatz der PID

Nicht nur die Deutsche Bischofskonferenz und der Präsident des Zentralkommittees der Deutschen Katholiken, sondern auch der Präsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Hermann Barth, kritisierten die Entscheidung des BGH. Die Eindeutigkeit, mit der das Gericht seine Position vertrete, sei nicht gerechtfertigt, so Barth. Der Streit um die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik werde weitergehen. Es sei zwar richtig, dass die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland pro Jahr nur eine geringe Zahl von Fällen betreffe, erklärte der Kirchenamtspräsident weiter. Doch sei das Risiko, das die ursprüngliche Begrenzung bei der Auslese von Embryonen nicht durchgehalten werden könne, "sehr groß". Die Beteuerung des BGH, einer unbegrenzten Selektion sei mit dem Urteil nicht der Weg geöffnet, sollte bei den bevorstehenden Debatten immer wieder eingeklagt werden.

Welche Konsequenzen hat das BGH-Urteil für die Praxis der Fortpflanzungsmedizin in Deutschland?

Anders als z.B. die Kirchen oder auch zahlreiche Politiker der Unionsparteien begrüsste die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) das Urteil, weil es Rechtssicherheit schaffe. Die Position der FDP-Fraktion kann einem Gesetzentwurf zur Regelung der Präimplantationsdiagnostik entnommen werden, mit dem die FDP-Fraktion im Jahre 2001 die Überarbeitung des Embryonenschutzgesetzes (vergeblich) intendierte. In der gegenwärtigen Debatte ist es strittig, ob für eine Überarbeitung des EschG überhaupt eine politische Mehrheit zu finden sein wird. Fakt ist aber auch, dass das 20 Jahre alte EschG die seitdem stattgefundene Technikentwicklung nicht mehr adäquat zu regeln vermag. Gegen eine Fortsetzung der bislang praktizierten "Strategie veralteten Rechts", die die notwendigen Anpassungsmaßnahmen allein den ärztlichen Standesorganisationen überlässt, hat sich jüngst der Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaften an der LMU München, Prof. Dr. Jens Kersten, im letzten TTN-Info (1/2010) ausgesprochen: "Biomedizinische Gesetze müssen regelmäßig politisch evaluiert werden, um technisch wie gesellschaftlich auf der Höhe der Zeit zu sein. Technikrecht ist auch in der Fortpflanzungsmedizin Technikentwicklungsrecht. Darüber hinaus haben die Bürger einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf eine aktuelle Gestaltung des Biomedizinrechts: Die Fortpflanzung ist Ausdruck des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts jedes Menschen." Auf welchen unterschiedlichen Ebenen freilich diese Regelungsmechanismen am besten greifen, bleibt zu diskutieren. Mit dieser Frage (und weiteren Fragen) beschäftigt sich eine im Frühjahr 2010 am Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften angesiedelte Arbeitsgruppe "Fortpflanzungsmedizin", in der sich Ärzte, Naturwissenschaftler, Juristen, Theologen, Ethiker und Sozialwissenschaftler zusammengefunden haben, um Fragen der Technikentwicklung in der Reproduktionsmedizin, aber auch veränderte Einstellungen zum Verhältnis von Familie, Paarbeziehung und Kinderwunsch in ethischer und juristischer Hinsicht zu diskutieren.