Klimawandel und Energiewende – Dringlichkeit der Forschung und Frage der Gerechtigkeit

Der Klimawandel und die Energiewende war Thema der Herbsttagung des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing vom 13. bis 15. November 2009. Unter der Leitung von Hans Eichel, Bundesminister a.D., diskutierten hochrangige Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, unter ihnen Andris Piebalgs, EU-Kommissar für Energie, über die zentralen Fragen gegenwärtiger wie zukünftiger Energiepolitik. Dabei wurde ersichtlich: Die Herausforderungen des Klimawandels und der Energiewende sind in engem Zusammenhang mit der Notwendigkeit der Forschung und der Frage nach der Gerechtigkeit zu denken.

Hans Eichel: „Es geht um unser Überleben“

Der frühere Finanzminister Hans Eichel skizzierte in seinem Eingangsstatement die gegenwärtige Situation: Angesichts der drohenden Folgen des Klimawandels sind wir zur Energiewende, zu einem Neudenken, wie wir Energie gewinnen, nutzen und mit ihr umgehen, gezwungen. Im wörtlichen Sinne, so Eichel, geht es hierbei um unser Überleben. Angesichts der Wirtschaftskrise bei den Mitteln im Kampf gegen den Klimawandel zu sparen, nannte der ehemalige Finanzminister „die größtmögliche Dummheit“.

Resultate und Prognosen der Klimafolgenforschung

Prof. Dr. Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zeichnete im Eröffnungsvortrag ein drastisches Bild. Bereits beobachtbare Folgen des Klimawandels sind unter anderem die Erderwärmung (in den letzten hundert Jahren um 0,8 Grad),  die Versauerung der Ozeane, der Anstieg des Meeresspiegels um 15 bis 20 cm, das Schmelzen der Gletscher sowie das Schrumpfen des arktischen Meereises.

Als weitere zu erwartende Konsequenzen nannte er u.a.: Mehr Extremwetterereignisse, die feuchten Gebiete werden feuchter, die trockenen Gebiete werden trockener, eine weitere Zunahme der Intensität der tropischen Stürme, das Schmelzen von Grönland sowie einen (in der Schwere seiner Folgen nur schwer zu prognostizierenden) Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 zwischen 0,75 – 2 m.

Das Mitte der neunziger Jahre von der Europäischen Union ausgerufene Ziel, dass sich die Erde bis zum Ende unseres Jahrhunderts um nicht mehr als 2 Grad erwärmen dürfe, ist kaum noch zu halten. Umso dringender muss die Politik handeln.

„Die Klimaforschung ist fertig“

Hinsichtlich der Rolle der Klimaforschung für die politischen Entscheidungsprozesse antwortete Prof. Levermann bewusst überspitzt: „Die Klimaforschung ist fertig.“ Man weiß genug, um die Prozesse in der notwendigen Präzision simulieren zu können, um der Politik eine solide Basis für notwendige Entscheidungen an die Hand zu geben. Die Klimaforschung ist dabei, in eine neue Phase einzutreten, in der Detailanalysen der Konsequenzen des Klimawandels auf spezifische Regionen im Mittelpunkt stehen werden.

Die medial noch immer diskutierte Frage, inwieweit wir es mit einem unter anderem anthropogen verursachten Klimawandel zu tun haben, ist für die Forschung hingegen kaum noch relevant. Viele beobachtete Wirkungen des jüngsten Klimawandels können eindeutig menschgemachten Treibhausgasemissionen zugeschrieben werden.

„Wir haben kein Rohstoffproblem – wir haben ein Technologieproblem.“

Reinier Zwitserloot, vormaliger Vorsitzender des Vorstands der Wintershall Holding AG, sprach in Rückgriff auf die Zukunftsszenarien der Internationalen Energieagentur über die Energieversorgung kommender Jahrzehnte. Die Prognosen, so Zwitserloot, zeigen deutlich, dass trotz des Fokus‘ der öffentlichen Debatte auf alternativen Energien fossile Energieträger noch lange Zeit eine zentrale Rolle in unserer Energieversorgung spielen werden.

Aufhorchen ließ Zwitserloot dabei mit folgender These: Es ist noch ausreichend Öl für mindestens (!) 60 Jahre und ausreichend Gas für tausend Jahre vorhanden. Aber, so sein Fazit: „Nicht weil fossile Energien nicht mehr existieren, sondern weil wir es uns nicht mehr leisten können, sie zu nutzen, werden wir auf sie verzichten.“

Ausbildung - Forschung - Aufklärung

Zentrales Anliegen Zwitserloots war es, auf die Rolle der technischen Entwicklung hinzuweisen: „Wir haben kein Rohstoffproblem, sondern ein Technologieproblem!“ Als anschauliches Beispiel führte er die Sonnenkraft an: Theoretisch könnte die Sonneneinstrahlung einer Stunde den weltweiten Primärenergiebedarf eines Jahres decken. Allein: Es fehlt die Technologie.

Dringende Aufgabe des Kampfes gegen den Klimawandel sowie in der Frage zukünftiger Energieversorgung ist es daher, Ausbildung, Forschung und Aufklärung zu fördern. In diesem Sinne, so schloss Zwitserloot, ist es beschämend, wie wenig Geld Deutschland für Wissenschaft, Forschung und Bildung ausgibt.

Kernenergie als Teil einer Klimaschutzpolitik?

Ähnlich wie Zwitserloot, ging auch Dr. Johannes F. Lambertz, Vorstandsvorsitzender der RWE Power AG, in seinem Vortrag von der These aus, dass aufgrund unseres gegenwärtigen Energiebedarfs und unseres Technologieniveau der Einsatz so genannter „Brückentechnologien“ noch längere Zeit unverzichtbar sein wird.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle, so Lambertz, spielt hierbei die Kernenergie:  Ein Ausstieg aus der Kernenergie 2020 wird einerseits die Versorgungssicherheit gefährden, andererseits den Verbrauch fossiler Energieträger ankurbeln. In diesem Sinne, so der Vorstandsvorsitzender von RWE, ist Kernenergie als Instrument der Energiesicherheit wie auch einer Klimaschutzpolitik zu verstehen.

Ohne sichere Endlagerung, so Lambertz in der Diskussion mit dem Plenum, ist Kernenergie mit Sicherheit nicht akzeptabel. Er zeigte sich jedoch optimistisch, dass die Forschung hier bald sichere Lösungen finden werde.

Energiewende auf regionaler Ebene

Im Rahmen der Tagung wurden drei erfolgreiche Umsetzungsbeispiele für die Energiewende auf lokaler und regionaler Ebene vorgestellt: Bürgermeisterin Gerda Stuchlik sprach über die Stadt Freiburg und deren ehrgeiziges Ziel, bis 2030 die klimaschädlichen Emissionen um 40 Prozent zu senken.

Eckhard Fangmeier stellte das Bioenergiedorf Jühnde vor, das seinen Wärmebedarf und den verbrauchten Strom selbst über nachwachsende Rohstoffe erzeugt.

Prof. D. Martin Hoppe-Klipper präsentierte das Projekt "deENet", welches für die Region Nordhessen dezentrale Versorgungstechnik, energieoptimiertes Planen und Bauen, energieeffiziente industrielle Prozesse und nachhaltige Versorgungskonzepte entwickelt und auf diesem Wege versucht, bis zum Jahr 2020 rund 20.000 neue Arbeitsplätze in der Region zu schaffen.

EU-Kommissar Andris Piebalgs: „Neues Paradigma der Energiewirtschaft“

Andris Piebalgs, EU-Kommissar für Energie, stellte schließlich das Zieldreieck der gegenwärtigen EU-Energiepolitik, zusammengesetzt aus (1) Versorgungssicherheit, (2) Nachhaltigkeit und (3) Wettbewerbsfähigkeit, vor.  Im neuen Paradigma europäischer Energiewirtschaft werden diese Ziele nicht mehr konträr, sondern komplementär verstanden.

Wenig überraschend kam Piebalgs auch auf die 20-20-20 Ziele der Europäischen Union als zentrales europäisches Klimapolitikziel zu sprechen: Bis zum Jahr 2020 sollen Treibhausgasemissionen um 20% reduziert werden, der Gesamtanteil an erneuerbaren Energien in der EU auf 20% steigen und die Energieeffizienz um 20% erhöht werden. Im Konsens mit den anwesenden Experten ging der EU-Kommissar davon aus, dass das Ziel der 20% an erneuerbaren Energien erreicht werden wird. Unter Berücksichtigung der außereuropäischen, globalen Geschehnisse sowie der Resultate der Klimafolgenforschung (wonach die 20-20-20 Ziele nur ein erster, kleiner Schritt sein können), ist dies jedoch nur ein Minimalziel.

Als positive Entwicklung bezeichnete Piebalgs das neue EU-Prozedere, nach dem ein Nicht-einhalten der Klimaziele auf nationaler Ebene als Vertragsverletzung eines Mitgliedstaates definiert ist. Er endete in politischem Duktus: „Die Weichen für eine nachhaltige Energieversorgung sind gestellt.“

Fazit und Konsens

Als Fazit der Veranstaltung kann festgehalten werden: „No action is no option.“ Die bereits beobachtbaren und drohenden Folgen des Klimawandels zwingen uns dazu, die Art und Weise, wie wir Energie gewinnen und nutzen, völlig neu zu denken. Das zentrale und zuvörderst einzusetzende Instrument ist hierbei die Energieeffizienz und der sparsame Umgang mit Energie.

Ein energieärmeres Leben, so der Konsens unter den Diskutanten und Vortragenden, bedeutet dabei keineswegs eine schlechtere Lebensqualität – wie nicht zuletzt der Vergleich zwischen den USA und Europa deutlich macht. Ein weiteres, entscheidendes Instrument im Kampf gegen den Klimawandel ist die Förderung der Forschung und der Wissenschaft. Technologische Innovation und neue Konzepte unseres Umgangs mit Energie sind an nahezu allen Fronten dringend erforderlich.

Klimawandel als Frage der Gerechtigkeit

Die ethischen Implikationen der Debatte um den Klimawandel und die Energiewende wurden im Rahmen der Tagung zwar nicht explizit thematisiert, ihre zentrale Bedeutung wurde jedoch an zahlreichen Diskussionspunkten evident. Die Folgen des anthropogenen Klimawandels werden gegenwärtig immer weniger als Naturkatastrophen erörtert, sondern erfahren eine Umdeutung als Ungerechtigkeit: Jene, die am wenigsten zum Problem des Klimawandels beigetragen haben, spüren am schmerzhaftesten die ersten Auswirkungen.

Diese Ungleichheit zwischen Verursachern und Leidtragenden ist als zentraler Konflikt der Debatte zu verstehen. Weiters stellt sich die Frage, inwieweit grundlegende Menschenrechte kommender Generationen durch den Energieverbrauch gegenwärtiger Menschen bedroht sind, sprich inwieweit wir Ressourcen verbrauchen dürfen, die nachfolgenden Generationen nicht mehr zu Verfügung stehen werden. Der persönliche Energieverbrauch steht - im großen Unterschied zur bisherigen Menschheitsgeschichte - damit plötzlich zur moralischen Disposition.

Die Reflexion der internationalen wie auch der intergenerationellen Gerechtigkeit und die Berücksichtigung des Verursacherprinzips und des Vorsorgeprinzips sind von zentraler Bedeutung für eine globale Klimapolitik. Es ist in diesem Sinne nicht zuletzt die Frage der Gerechtigkeit, die Kopenhagen zu klären hat – oder an der Kopenhagen scheitern wird.

Christian Dürnberger



Tagungsort: Evangelische Akademie Tutzing

Hans Eichel, Bundesminister a.D.

Andris Piebalgs, EU-Kommissar für Energie

Kommentare

Klimawandel und Klimagipfel in Kopenhagen

Ihren letzten Satz würde ich gerne unterstützen. Die Frage der Gerechtgkeit ist ein zentrales Thema in Kopenhagen, vor allem, wenn man den Wortschatz betrachtet, mit dem zum Teil argumentiert wird. Der Regierungschef Äthiopiens etwa, der vor einer erneuten "Vergewaltigung" des afrikanischen Kontinents warnt (SZ online: "Getrieben von Gefahren").

Auch wenn ich denke, Schuldzuweisungen sind nicht der richtige Weg und führen letztlich zu keinem Ergebnis, ist es sinnvoll, sich die Diskrepanz zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern bewusst zu machen. Die Auswirkungen der Klimaänderungen sind hier nicht so sehr "spürbar" und das ist in gewisser Weise das Verhängnisvolle.