Tagungsbericht "Moral Agency: Herausforderungen in der Beziehung von Mensch, Tier und Maschine"

Die Tagung "Moral Agency – Herausforderungen in der Beziehung von Mensch, Tier und Maschine" in der Evangelischen Akademie Tutzing verfolgte das Ziel, einer besonderen Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte nachzuspüren und diese aus interdisziplinärer Perspektive zu diskutieren: Die Anerkennung von Handlungsmächtigkeit nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Tieren und Maschinen. ReferentInnen aus den Bereichen Theologie, Philosophie sowie Rechtswissenschaft gaben Einblick in ihre Forschung zu den epistemologischen, ethischen und juristischen Konsequenzen einer wissenschaftlichen Erforschung von tierlicher Agency und der technischen Entwicklung von maschineller Agency durch mehr und mehr autonome Systeme. Während der Diskurs um die tierlichen Handlungskompetenzen schon seit einiger Zeit das menschliche Selbstverständnis als einziges Wesen mit Verantwortung für sein Tun in Frage stellt, ist dies beim Technischen noch nicht ganz so selbstverständlich. Doch ist darauf hinzuweisen, dass einerseits die tierliche Agency immer noch innerhalb tendenziell anthropozentrischer Sichtweisen verhandelt wird und die Forschungsergebnisse erst Stück für Stück in unsere Lebenswelt und ihre Sinndimensionen Einzug halten. Andererseits ist zu sehen, dass die Handlungsmacht von Maschinen wohl nicht zufällig schon seit geraumer Zeit Gegenstand von Utopien, Dystopien und moralischen Reflexionen ist.

Die Tagung fand vom 12. bis 13. Oktober 2016 statt in Kooperation der Evangelischen Akademie Tutzing mit dem Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der LMU München sowie dem Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Medizinische Universität Wien und Universität Wien. Sie wurde moderiert von Dr. Stephan Schleissing, Leiter des Programmbereichs "Ethik in Naturwissenschaft und Technik" des Instituts TTN und Prof. Dr. Herwig Grimm, Leiter der Abteilung Ethik der Mensch-Tier Beziehung des Messerli Forschungsinstituts Wien.

Tierliche und maschinelle Personen? Kein Problem für die Rechtsordnung

Ausgehend von der Beobachtung, dass der moralische Individualismus, der nur den Menschen als moralisch Handelnden und Rechtssubjekt gelten lässt, mit dem Auftreten von Mensch-Tier-Mischwesen in der Forschung und symbiotischen Verhältnissen zwischen Mensch und Maschine in Arbeit, Pflege und Sport längst an seine Grenzen gestoßen sei, lotete der Jurist Prof. Dr. Jens Kersten, Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaften an der LMU München, in seinem Vortrag die Möglichkeiten und Grenzen der Anerkennung menschlicher, tierlicher und maschineller Personen im Rechtssystem aus. Rechtssubjektivität sei in unserem Rechtssystem nicht als Status, sondern als Summe korrespondierender Rechte und Pflichten aufzufassen und insofern relativ, nicht ontologisch oder a priori vorgegeben. Die Rechtsordnung sei auf Basis eines solchen funktions- und interaktionsorientierten Verständnisses relativ frei, einer Entität Rechtssubjektivität zu verleihen oder nicht. Als Kriterien der Zuerkennung von Rechtssubjektivität einer nicht-menschlichen Entität führte Kersten die Fähigkeit zu autonomer Handlungsfähigkeit und sozialer Interaktion an. Der Gesetzgeber könnte z.B. per Verfassungsänderung tierliche und andere Rechtssubjekte setzen oder auf der einfachgesetzlichen Ebene den objektiven Tierschutzauftrag durch die Vergabe von subjektiven Rechten an diese, vor Gericht vertreten durch Tieranwälte oder NGOs, einlösen. Dagegen seien nicht alle autonom interagierenden maschinellen Systeme wie z.B. die Einparkhilfe als Rechtssubjekte anzuerkennen, da der Aufwand der komplizierten gesetzgeberischen Ausgestaltung dessen in einem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen eines solchen Rechtsinstruments stehen müsse. Dementsprechend seien nur diejenigen maschinellen Systeme, wie z.B. Ambient-Assisted-Living-Einrichtungen, als Rechtssubjekte anzuerkennen, bei denen eine sehr hohe soziale Kapazität und autonome Handlungsfähigkeit vorliege. Der Mehrwert der Anerkennung als Rechtssubjekt bestünde darin, dass sich die komplexe Verteilung der Verantwortung für ältere Menschen darüber bündeln und überschaubar machen ließe.

Handlungsräume. Zur Topographie von Moral Agency

Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Rieger von der Ruhr-Universität Bochum attestierte in seinem Vortrag unserer zunehmend technisierten und digitalisierten Lebenswelt eine Erweiterung des Autonomiebegriffs, der – entgegen des kulturwissenschaftlichen Narrativs vom technischen Artefakt als Verlängerung des Menschen – auch nicht-menschlichen Entitäten zugeschrieben werden kann. Zugleich untergräbt diese Entwicklung die Möglichkeit, Handlungsräume durch die Isolierung der räumlichen Zugangsmöglichkeit zu begrenzen. In der so entstehenden Mixed Society, in der Handlungsträgerschaft auf Menschen, Tieren und Maschinen verteilt werden kann, werden traditionell räumlich definierte Statusbestimmungen hinsichtlich Moral Agency brüchig. Deutlich wird dies einerseits besonders dort, wo die Grenze zwischen Natur und Technik verschwimmt, wie beispielsweise im Fall von technisch zugerüsteten Tieren, die in den unterschiedlichsten Kontexten als Informationslieferanten dienen können (vgl. Alexander Pschera, Das Internet der Tiere, Berlin 2014). Das Tier ist in dem Fall nämlich nicht mehr nur Gegenstand und Motiv in medialen Zusammenhängen, sondern selbst aktiv gestaltender Teilnehmer. Umgekehrt kann Natur nicht mehr als abgesteckter Raum, beispielsweise als Liste von Naturschutzgebieten, begriffen werden, sondern stellt sich zunehmend als technisch vermittelter Modus der Erfahrung dar. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Semantik aktueller Kommunikation über Technik wieder, die vermehrt die Motive Kollaboration und Companionship gegenüber der zuvor üblichen Vorstellung der Maschine als Werkzeug, herausstellt. Wenn beispielsweise im Zusammenhang mit technischen Artefakten für den geriatrischen Bereich die Wörter „Pflege“ und „Hilfebereich“ durch „Service“ und „Support“ ersetzt werden, ist dies als Mittel der Akzeptanzbeförderung für neue mediale Möglichkeiten und Techniken zu betrachten.

Sind Tiere moralische Subjekte? Empirische Befunde und ihre ethischen Konsequenzen

Die Germanistin und Philosophin Univ. Ass. Dr. Judith Benz-Schwarzburg vom Messerli Forschungsinstitut Wien beleuchtete in ihrem Vortrag die Frage nach dem moralischen Status von Tieren zunächst aus empirisch-naturwissenschaftlicher Perspektive. Asgehend von der Feststellung, dass die Abgrenzung von Menschen und Tieren auf Basis von biologischen Kriterien sehr problematisch ist, führte sie Beispiele dafür an, dass auch der Bereich der Moralfähigkeit kein verlässliches Abgrenzungskriterium darstellt. Dabei ging sie insbesondere auf die Fähigkeit von Tieren ein, (1) komplexe Gefühle zu empfinden, (2) Affekte des Sorgens und Helfens für andere, zum Teil auch artfremde Lebewesen zu zeigen, die auf Empathiefähigkeit und Altruismus hinweisen und (3) ein Verständnis von Gerechtigkeit zu besitzen. Davon ausgehend identifizierte Frau Benz-Schwarzburg Tiere als moral subjects, als eine dritte Art von Wesen, die durch die Dichotomie von moral agents, also moralfähige menschliche Wesen, und moral patients, i.e. moralisch relevante, aber nicht moralfähige Objekte, nicht erfasst wird. Moral subjects zeichnen sich dem gegenüber dadurch aus, dass sie zwar aufgrund von moralischen Motiven handeln, aber nicht über das entsprechende Reflexionsvermögen verfügen, um diese Motive selbst kritisch zu betrachten und zu gestalten. Damit sind sie auch nicht für ihr Handeln verantwortlich zu machen. Ansätze, Tiere als moral subjects angemessen zu beschreiben, finden sich zum Beispiel in den philosophischen Theorien von Rowlands, Regan und Martha Nussbaum. Abschließend wies Frau Benz-Schwarzburg auf die aktuell beobachtbare Verschiebung der klassischen Mensch-Tier-Unterscheidung hin zu einer Trennung zwischen Menschen, Heimtieren und Zootieren auf der einen und den Nutztieren auf der anderen Seite. Diese kaum begründbare Differenzierung, die stark mit ökonomischen und leiblichen menschlichen Interessen verknüpft ist, spiegelt sich auch im Forschungsspektrum zur Moralfähigkeit von Tieren, das Nutztiere weitestgehend ausschließt. Um diesem Missstand zu begegnen betreibt das Messerli Forschungsinstitut unter Mitwirkung von Frau Benz-Schwarzburg derzeit ein Forschungsprojekt mit Schweinen.  

Die Konstitution von Agency. Zur Anerkennung als Voraussetzung von Agency bei nichtmenschlichen Individuen

Warum ist es uns neuerdings wichtig, dass wir Tiere als agents, actants (Latour) oder auch moralische Subjekte begreifen (resp. anerkennen) und damit ethische und politische Forderungen verbinden? Dieser Frage stellte sich Univ. Ass. Dr. Martin Huth vom Messerli Forschungsinstitut in seinem Vortrag und näherte sich ihr über eine Aufklärung der Logik in der Zuschreibung von agency und des Zusammenhangs von Erkennen und Anerkennen. Als recognizability bezeichnet Butler materielle und symbolische Strukturen, die auf den Ebenen von Wahrnehmung, emotionaler Affizierbarkeit, Verhaltensdispositionen, politischer und rechtlicher Institutionen wirksam sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Raster (frames) und Normen dafür zuständig sind, dass wir einige Wesen anerkennen und andere nicht. Huth kritisierte den im gesellschaftlichen Anerkennungsdiskurs verbreiteten liberalistischen Individualismus und die implizite Trennung von Körper und Geist unter Aufwertung des letzteren. Hierdurch erscheint es vielen selbstverständlich, den Kreis der Rechtsträger nur auf diejenigen auszudehnen, die auch über ein Verständnis ihrer Rechtsträgerschaft verfügten und Grundrechte vorrangig als negative Abwehrrechte statt positive Fürsorgepflichten aufzufassen. Den nicht über die kognitiven Fähigkeiten durchschnittlicher Erwachsener verfügenden Wesen ließen sich dagegen auf Basis der Anerkennungstheorien von Butler, Honneth und Levinas Rechte zugestehen, da diese Theoretiker keine prinzipielle Gleichheit der Rechtsträger untereinander voraussetzten. Statt die Vernunftfähigkeit zur Bedingung von Rechtsträgerschaft zu machen, wäre anzuerkennen, dass alle Lebewesen responsive Wesen sind, die nicht lediglich mechanisch reagieren, sondern im Verhalten Stellung beziehen zu Aufforderungen aus der Umwelt. Damit wird der Handlungsmacht eine responsive Wirkungsmacht an die Seite gestellt. Die Struktur von Ein- und Ausschluss könne jedoch niemals völlig verlassen werden, da wir uns von unserer leiblichen Perspektive nicht soweit lösen könnten und eine Anerkennung von allem und jedem einer Anerkennung für nichts und niemanden gleichkäme.

Funktionale Emotionen. Zur Mensch-Technik-Interaktion

Der Theologe Prof. Dr. Arne Manzeschke, Professor für Anthropologie und Ethik der Gesundheitsberufe an der Evangelische Hochschule Nürnberg und Leiter der Fachstelle für Ethik und Anthropologie im Gesundheitswesen der ELKB am Institut TTN stellte in seinem Vortrag die Arbeit des BMBF-geförderten wissenschaftlichen Vorprojekts MTEmotion vor. Dessen Ziel es war, das Emotionsverständnis und die emotionsassoziierten Strategien aktueller Technologieprojekte, die sich mit der Interaktion von Mensch und Technik befassen, zu analysieren. Ausgangspunkt und Beweggrund der Untersuchung war einerseits die Grundannahme, dass Technik seit jeher unweigerlich Emotionen beim Menschen evoziert und andererseits die Beobachtung, dass dieser Vorgang in unserer zunehmend technologiedurchsetzten Lebenswelt verstärkt in die Entwicklungen neuer Technologien mit einbezogen wird. Neue, zunehmend autonom mit dem Benutzer interagierende und emotionskompetente Maschinen bedürfen jedoch einer besonderen ethischen Betrachtung. Um mögliche Problemkomplexe, die durch diese Entwicklung entstehen können, zu identifizieren, wurden verschiedene konkrete Interaktionsbeziehungen zwischen Menschen und technischen Artefakten hinsichtlich fünf analytischer Dimensionen betrachtet. So wurde der (1) menschliche Akteur dem (2) technischen Aktant gegenübergestellt und die jeweiligen Fähigkeiten, Kompetenzen und Performanzen verglichen. Darüber hinaus wurden deren (3) Interaktion, die dabei relevanten (4) Emotionen und der zugehörige (5) Kontext des soziotechnischen Arrangements erfasst. Dabei fiel auf, dass für die Darstellung und Bewertung dieser Beziehungen häufig auf charakteristische zwischenmenschliche Interaktionsmuster zurückgegriffen wird.

Gefährten, Partner, Helfer: Maschine und Tiere in unserer Lebenswelt

In einem weiteren Vortrag setzte sich Arne Manzeschke mit den Schwierigkeiten der Verhältnisbestimmung von Menschen, Tieren und Maschinen auseinander. An diesen Schwierigkeiten machte er deutlich, dass unsere tradierten Taxonomien nicht mehr ausreichen und fraglich werden, um Interaktionen vor allem mit Maschinen zu strukturieren. In seinem vor allem an Maschinen orientierten Vortrag plädierte er dafür, neue Wissensordnungen aufzusuchen, die es wiederum möglich machen, Maschinen als Teil einer Praxis anzuerkennen, die wesentlich über Instrumentalität hinausgeht. Zwar werden Maschinen, wie Manzeschke festhielt, kaum je Partner in einer „Resonanz responsiver Leiber“ sein und uns – wie auch die Tiere – immer nur aus anthropozentrischer Perspektive gegeben sein, doch sei eine Interaktion mit Maschinen durchaus auch dazu angetan, tiefer in die conditio humana hineinzuwirken als der Gebrauch einfacher Werkzeuge.

Autonome Waffensysteme: Verantwortlichkeit und mögliche Regelungsansätze

In seinem Vortrag bearbeitete der Rechtswissenschaftler Tassilo Singer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht, Völkerrecht, Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht der Universität Passau die Frage, wie sich die neuesten technischen Entwicklungen von Waffensystemen nicht nur auf dem Feld voll-automatischer (nicht mehr unter direkter menschlicher Kontrolle, aber unter menschlicher Überwachung), sondern auch voll-autonomer (ohne menschliche Eingriffsmöglichkeit) Waffen in rechtlichen Zusammenhängen darstellen. Da vor allem das Völkerstrafrecht sich explizit nur auf natürliche Personen bezieht und Maschinen schwerlich Adressaten von Sanktionen sein können, ist die Frage der Verantwortlichkeit so komplex wie drängend. Im Falle einer Verletzung oder Tötung von Menschen durch autonome Waffensysteme über eigentliche Kriegshandlungen hinaus stellt sich also das Problem der Zurechnung an das Steuerungspersonal, die kommandierende Person, die Personen, die die Missionsparameter eingeben, die Hersteller, Softwareprogrammierer usw. Es tun sich neue Maßstäbe und Perspektiven der Verantwortung auf, die dadurch in der Schwebe bleiben, dass die Antizipierbarkeit dessen, was von einem voll-autonomen System durchgeführt würde, unausgereift ist.

Biodigitale Autonomie: Zum „Recht auf Rechte“ von Menschen und Maschinen

PD Dr. Malte-Christian Gruber vom Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Mainmacht in seinem Vortrag darauf aufmerksam, dass die Auseinandersetzung mit Rechten oder gar der Würde nichthumaner Agenten immer auch eine Provokation darstellt. Wenn jemand Träger von Würde ist, so ist dies in unserer Lebenswelt prima facie der Mensch. Doch ist die damit fast fraglos gezogene Opposition zwischen den Menschen und dem ‚Rest‘ nicht immer sinnvoll und nicht immer haltbar und führt an wesentlichen Änderungen der letzten Jahre vorbei. Die Anerkennung von kollektiver statt individueller Zurechnung (etwa bei Mensch-Ding-Assoziationen) und, aus gleichsam umgekehrter Perspektive, die biodigitale Selbstbestimmung des Menschen, machen ein Denken und juristisches Regeln anhand der Dichotomie Handelnder/Instrument zumindest fraglich. Dadurch sei es Gruber zufolge ein mehr als heuristisches Unterfangen, auf die Quasi-Subjektivität und eine mögliche (asymmetrische) Anerkennung der Rechtssubjektivität von nichtmenschlichen Akteuren (oder mit Bruno Latour: Aktanten) hinzuweisen.

Tagungsbericht: Sarah Bechtold, Herwig Grimm, Martin Huth, Anja Pichl